Universität Wien FIND

Kehren Sie für das Sommersemester 2022 nach Wien zurück. Wir planen Lehre überwiegend vor Ort, um den persönlichen Austausch zu fördern. Digitale und gemischte Lehrveranstaltungen haben wir für Sie in u:find gekennzeichnet.

Es kann COVID-19-bedingt kurzfristig zu Änderungen kommen (z.B. einzelne Termine digital). Informieren Sie sich laufend in u:find und checken Sie regelmäßig Ihre E-Mails.

Lesen Sie bitte die Informationen auf https://studieren.univie.ac.at/info.

240084 SE VM4 / VM3 - Kolonialität, Klassifizierung, Konflikt (2018W)

Konzepte und Politiken dekolonialistischer Kultur- und Sozialtheorien

Prüfungsimmanente Lehrveranstaltung
SGU

An/Abmeldung

Hinweis: Ihr Anmeldezeitpunkt innerhalb der Frist hat keine Auswirkungen auf die Platzvergabe (kein "first come, first served").

Details

max. 25 Teilnehmer*innen
Sprache: Deutsch

Lehrende

Termine (iCal) - nächster Termin ist mit N markiert

Donnerstag 11.10. 11:00 - 14:00 Seminarraum SG2 Internationale Entwicklung, Sensengasse 3, Bauteil 1
Donnerstag 25.10. 11:00 - 14:00 Seminarraum SG2 Internationale Entwicklung, Sensengasse 3, Bauteil 1
Donnerstag 29.11. 11:00 - 14:00 Seminarraum SG2 Internationale Entwicklung, Sensengasse 3, Bauteil 1
Donnerstag 13.12. 11:00 - 14:00 Seminarraum SG2 Internationale Entwicklung, Sensengasse 3, Bauteil 1
Freitag 11.01. 12:00 - 15:00 Seminarraum SG2 Internationale Entwicklung, Sensengasse 3, Bauteil 1
Donnerstag 17.01. 11:00 - 14:00 Seminarraum SG2 Internationale Entwicklung, Sensengasse 3, Bauteil 1
Donnerstag 31.01. 11:00 - 14:00 Seminarraum SG2 Internationale Entwicklung, Sensengasse 3, Bauteil 1

Information

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

Seit einigen Jahren ist ein regelrechter Boom dekolonialistischer Ansätze zu verzeichnen: In den theoretischen Debatten der Kultur- und Sozialwissenschaften werden die alten Fragen sozialer Ungleichheit und kultureller Differenz vor dem Hintergrund der Kolonialgeschichte und ihrer Effekte neu verhandelt. In den politischen Aktivismen ist der Ruf „decolonize!“ nicht mehr zu überhören, er bezieht sich auf Gegenstandsbereiche wie „die Stadt“, auf Ereignisse wie die „Revolten von 1968“ oder auch auf akademische Disziplinen wie die Soziologie.

Aber was ist dekolonialistische Theorie? Was sind ihre zentralen Begrifflichkeiten und Problemstellungen? Wo liegen ihre Ursprünge, was macht ihre Genese aus? Worin unterscheidet sich dekolonialistische von postkolonialistischer Theorie? Was bedeutet Dekolonisierung, wenn damit nicht nur das Ende des militärisch-politischen Kolonialismus gemeint ist?

Die Struktur der globalen Machtverhältnisse ist bis heute vom Kolonialismus geprägt. Der peruanische Soziologe nennt diese Prägung die „Kolonialität der Macht“. Die Kolonialität ist das Weiterwirken kolonialer Denk- und Wahrnehmungsweisen auch nach dem Ende politisch-militärischer Kolonialherrschaft. Sie schafft und reproduziert sozial wirksame Klassifizierungen und prädisponiert gesellschaftliche Konflikte. Um die Kolonialität offenzulegen und gegen sie anzugehen, bedarf es eines „epistemtischen Ungehorsams“ (Walter Mignolo). Dekolonisierung kann dann einerseits in Formen des uneindeutigen „Grenzdenkens“ (Gloria Anzaldúa) münden, andererseits kann aber auch der Kampf um „die Bejahung des Anderen als anderer“ (Enrique Dussel) eine Schlussfolgerung dekolonialistischer Anliegen sein.

Die Bezeichnung dekolonialistische Theorie ist zwar noch relativ jung. Die vor allem in Lateinamerika aufgekommenen Debatten in diesem Kontext knüpfen aber doch zweifelllos an historische Problemstellungen an: José Carlos Mariátegui hatte in den 1920er Jahren bereits auf die Effekte kultureller Kodierung – Menschen als ethnisch/ rassialisiert zu betrachten – für die soziale Ungleichheit und damit auch für die (marxistische) Sozialtheorie hingewiesen. Die Dependenztheorien der 1960er und 70er Jahre haben die modernisierungstheoretischen Annahmen der eurozentrischen Sozialwissenschaften in Frage gestellt. Eine Infragestellung, an der auch heutige Diskussionen wieder anknüpfen und die sicherlich zu einem umfassenden Verständnis der globalen sozialen Ungleichheit beitragen kann.

Während der Aufschwung dekolonialistischer Ansätze in Forschung, Theorie und Politik der Gegenwart kaum zu bezweifeln ist, mehren sich auch die Kritikpunkte an ihnen: Es wird die Geschlechtsblindheit vieler Ansätze beklagt, die Vereinheitlichung sehr unterschiedlicher geopolitischer Situationen wird bemängelt, der Antisemitismus in der Einschätzung von Israel als kolonialem Staat und die Verabsolutierung von Differenz wird kritisiert und damit auch die unreflektierte Bezugnahme auf den politisierten Islam.

Das Seminar beansprucht anhand von Texten von Autor*innen wie Aníbal Quijano, Enrique Dussel, Walter Mignolo, Catherine Walsh, Silvia Rivera Cusicanqui, Maria Lugones, u.a. sowohl den Einstieg in als auch die Grundlagen für eine fundierte Debatte um dekolonialistische Theorieansätze zu ermöglichen.

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

Seminararbeit

Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab

Regelmäßige Teilnahme

Prüfungsstoff

Literatur

Literatur:

Enrique Dussel: Der Gegendiskurs der Moderne. Kölner Vorlesungen. Wien/ Berlin: Verlag Turia & Kant 2013.

Encarnación Gutiérrez Rodríguez, Manuela Boatca, Sérgio Costa (Hg.): Decolonizing European Sociology. Transdisciplinary Approaches. Fanrham/ Burlington: Ashgate 2010.

Maria Lugones: „Toward a Decolonial Feminism.“ In: Hypatia, vol. 25, no. 4 (Fall, 2010), S. 742-759.

Walter D. Mignolo: Epistemischer Ungehorsam. Rhetorik der Moderne, Logik der Kolonialität und Grammatik der Dekolonialität. Wien: Verlag Turia & Kant 2012.

Walter D. Mignolo: The Darker Sid of Western Modernity. Global Futures, Decolonial Options. Durham & London: Duke University Press 2011.

David Mayer: „Mit Marx im Gepäck. Lateinamerikanische Vorläufer im Versuch, (post-)koloniale Bedingungen zu denken.“ In: Felix Wemheuer (Hg.): Marx und der globale Süden. Köln: PapyRossa Verlag 2016, S. 145-169.

Mabel Moraña, Enrique Dussel und Carlos A. Járegui (Hg.): Coloniality at Large. Latin America and the Postcolonial Debate. Durham & London: Duke University Press 2008.

Mabel Moraña und Carlos A. Járegui (Hg.): Revisiting the Colonial Question in Latin America. Berlin/ Madrid: Vervuert/ Iberoamericana 2008.

Ileana Rodríguez (Hg.): The Latin American Subaltern Studies Reader. Durham & London: Duke University Press 2001.

Aníbal Quijano: Kolonialität der Macht, Eurozentrismus und Lateinamerika. Wien/ Berlin: Verlag Turia & Kant 2016.

Aníbal Quijano: „Die Paradoxien der eurozentrierten globalen Moderne.“ In: Prokla 158, 40 Jg., Nr. 1, 2010, S. 29–47.

Pablo Quintero und Sebastian Garbe (Hg.): Kolonialität der Macht. De/Koloniale Konflikte: zwischen Theorie und Praxis. Münster: Unrast Verlag 2013.

Rebecca Steger, Marie Ludwig, Julia Brychcy, Elisabeth Pütz, Kyra Sell (Hg.): Subalternativen. Postkoloniale Kritik und dekolonialer Widerstand in Lateinamerika. Münster: edition assemblage 2017.

Zuordnung im Vorlesungsverzeichnis

VM3 / VM4

Letzte Änderung: Mi 21.04.2021 13:34