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180214 PS Body as Sign, Body as Flesh (2019W)

Philosophy as a Practice of Freedom

4.00 ECTS (2.00 SWS), SPL 18 - Philosophie
Continuous assessment of course work

Sa 16.11. 09:45-16:30 Hörsaal 2i NIG 2.Stock

Registration/Deregistration

Details

max. 45 participants
Language: German

Lecturers

Classes (iCal) - next class is marked with N

Blockveranstaltung
Einführung am 19. Oktober 2019 vormittags
ganztägige Blöcke am 16. Nov., 7. Dez. 2019 und 11. Jänner 2020

Saturday 19.10. 09:45 - 11:15 Hörsaal 2i NIG 2.Stock
Saturday 07.12. 09:45 - 16:30 Hörsaal 2i NIG 2.Stock
Saturday 11.01. 09:45 - 16:30 Hörsaal 2i NIG 2.Stock

Information

Aims, contents and method of the course

Thema der LV ist der menschliche Körper in seiner sprachlichen Verfasstheit, Verletzlichkeit und Widerständigkeit gegen Normierung. Judith Butler wurde vorgeworfen, sie würde den Körper in sprachliche Zeichen auflösen. Dem widerspricht die Bedeutung, die Butler gerade der Neufassung des Verhältnisses von Diskurs und Materialität gibt (Körper von Gewicht Butler 1995) sowie ihre intensive Beschäftigung mit verletzbaren, Gewalt ausgesetzten Körpern (Butler 1998, 2003, 2005, 2009; Zehetner 2016, 2017, 2018, 2019). Diskutiert werden Hassrede und Widerrede, die Strategien der Resignifizierung und Parodie, „geschlechtsvereindeutigende“ Eingriffe, die Frage, um wen öffentlich getrauert werden darf und das Bewusstsein geteilter Verletzlichkeit als Basis einer neuen Ethik.
Die LV stellt sich der Herausforderung, Geschlecht in seiner Ambivalenz zwischen Zeichenhaftigkeit und leiblicher Existenzweise zu erfassen. Judith Butler zufolge wirkt die Anrufung Du bist ein Mädchen kurz nach der Geburt weniger als beschreibende Aussage, sondern vielmehr als Imperativ: Werde ein Mädchen! Verhalte dich wie ein Mädchen! Der Körper ist also ein von Anfang an vergesellschafteter, durch sprachliche Zeichen gedeuteter und zu deutender. Die Perspektive normativer Konstituiertheit von Weiblichkeit und Männlichkeit ermöglicht eine neue Herangehensweise an die Zusammenhänge von Psyche und Körper, Geschlecht und Gesellschaft. Kein Körper existiert außerhalb des Prozesses soziokultureller Bedeutungskonstruktion. Sprache und Körper, Diskurs und Materialität sind miteinander verflochten. Die Materialität dichotom bestimmter geschlechtlicher Körper kann mit Butler als Prozess der Materialisierung, als „produktivste Wirkung von Macht“ neu gedacht werden. Dabei geht es um die kritische Reflexion philosophischer Praxis, der Kontingenz ihrer Grundlagen und der Infragestellung der Dualismen Diskurs – Materialität, Kultur – Natur.
Das, was an der Sprache körperlich ist, widersetzt sich der vollständigen Normierung von Männlichkeit und Weiblichkeit. Für Shoshana Felman ist der sprechende Körper skandalös, weil sein Sprechen nicht vollständig intentional gelenkt ist. Am Beispiel psychosomatischer Krankheitsbilder wird der Chiasmus von Körper und Sprache deutlich. Mein Anspruch ist eine konsequente Theorie-Praxis-Vermittlung: Diskursen über den Körper werden konkrete Körperpraxen gegenübergestellt. Wie können philosophische Gender-Forschung und feministische Philosophie emanzipatorisch wirksam werden? Wie können wir neoliberale Selbstverhältnisse zwischen Selbstermächtigung und Selbstunterwerfung anhand Butlers Theorie von Norm und Transformation - Wiederholung, Aneignung und Resignifizierung von Geschlechternormen (Butler 2009) - neu denken?
Was können wir zur Sprache bringen an Wünschen, Bedürfnissen, Konflikten und Leidenszuständen und wie manifestiert sich Ungesagtes in psychosomatischer Symptomgestaltung? Anhand konkreter Beispiele aus der psychosozialen Beratungspraxis (psychogener Schmerz, Depression, Essstörungen, selbstverletzendes Verhalten) werden psychosomatische Verschränkungen untersucht.
Gesellschaftspolitische Einordnung: Aktuell lässt sich eine nie da gewesene Flexibilität von Geschlechterkonstruktionen bei gleichzeitiger Stabilität der Geschlechterordnung (Hof 2005) feststellen. Rhetorische Modernisierung (Wetterer) verschleiert nach wie vor bestehende Ungleichheiten. Wie gestalten wir hegemoniale und marginalisierte Männlichkeit und Weiblichkeit in der neuen Geschlechter(un)ordnung zwischen Retraditionalisierung und Transformation? Butlers Theorie der Annahme des Geschlechts durch Inkorporation und wiederholende Aneignung von Normen bildet die Grundlage für eine Politik des Performativen. Das Konzept der Performativität eröffnet neue Perspektiven auf menschliche Handlungsfähigkeit. Das Bewusstsein der Kontingenz dieser performativ hervorgebrachten dichotomen Geschlechterverkörperungen Männlichkeit und Weiblichkeit ermöglicht ihre Neugestaltung.

Assessment and permitted materials

Aktive Teilnahme, Impulsreferat und schriftliche Arbeit im Umfang von ca. 15 Seiten,
Kriterien für die schriftliche Arbeit:
- Klare Fragestellung
- Einbeziehen von nicht selbst referierten Texten aus dem Reader bzw. der angeführten Literatur sowie den Diskussionen in der LV
- persönlicher Bezug oder / und gesellschaftliche Relevanz der behandelten Thesen und Argumente

Minimum requirements and assessment criteria

Anwesenheit und aktive Teilnahme
bei Abwesenheit schriftliche Reflexion zu den behandelten Texten
Seminararbeit im Umfang von ca. 15 Seiten
Kriterien für die schriftliche Arbeit:
- Klare Fragestellung
- Einbeziehen von nicht selbst referierten Texten aus dem Reader bzw. der angeführten Literatur sowie den Diskussionen in der LV
- persönlicher Bezug oder / und gesellschaftliche Relevanz der behandelten Thesen und Argumente

Examination topics

keine Prüfung
Seminararbeit

Reading list

Butler, J./ Gambetti, Z./ Sabsay, L. (Hrsg.)(2016): Vulnerability in Resistance. Durham/ London: Duke University Press
Butler, J./ Athanasiou, A. (2014): Die Macht der Enteigneten. Zürich/Berlin: diaphanes
Butler, Judith (2009): Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen (orig. Undoing Gender 2004 London/ NY: Routledge) Frankfurt/ M.: Suhrkamp
Butler, Judith (2005): Gefährdetes Leben. Politische Essays. Frankfurt/ M.: Suhrkamp
Butler, Judith (1998): Hass spricht. Zur Politik des Performativen. Frankfurt/ M.: Suhrkamp
Butler, Judith (1995): Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Berlin: Berlin-Verlag
Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt/ M.: Suhrkamp
Davis, Angela Y. (2016): Freedom is a Constant Struggle. Chicago: Haymarket Books

Foucault, M. (1993): Technologien des Selbst. In: ders. u.a.: Technologien des Selbst. Hg. v. Luther H. Martin, Huck Gutman, Patrick H. Hutton. Frankfurt/M.: Fischer, 24-62.

Gay, Roxane (2017): Hunger. A Memoir of (My) Body. New York: Harper Collins

Grubner, B./Birkle, C./Henninger, A. (Hrsg.)(2016): Feminismus und Freiheit. Geschlechterkritische Neuaneignung eines umkämpften Begriffs. Sulzbach: Ulrike Helmer Verlag

Klinger, Cornelia (2014): Gender in Troubled Times: Zur Koinzidenz von Feminismus und Neoliberalismus. In: Fleig, Anne (Hg.)(2014): Die Zukunft von Gender. Frankf/NY: Campus, 126-160.

McRobbie, Angela (2010): Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften

Merleau-Ponty, Maurice (1964/2004): Das Sichtbare und das Unsichtbare. München: Wilhelm Fink

Nagl-Docekal, Herta (2012): Feministische Philosophie im post-feministischen Kontext. In: Landweer, Hilge et al. (Hg.innen): Philosophie und die Potenziale der Gender Studies. Peripherie und Zentrum im Feld der Theorie. Bielefeld: transcript, 231 – 254.

Penny, Laurie (2017): Bitch Doctrine. Essays for Dissenting Adults. London/ New York: Bloomsbury

Recki, B. (2009): Freiheit. Wien: Facultas.

Sorority (Hg.): No More Bullshit! Strategien gegen Stammtischweisheiten. Wien: Kremayr & Scheriau 2018
Stokowski, M. (2016): Untenrum frei. Reinbek: Rowohlt

Tolokonnikowa, Nadja (2016): Anleitung für eine Revolution. Hanser: Berlin

Torr, Diane/ Bottoms, Stephen (2010): Sex, Drag and Male Roles. Investigating Gender as Performance. Michigan: University of Michigan Press
Zehetner, Bettina (2012): Krankheit und Geschlecht. Feministische Philosophie und psychosoziale Beratung. Wien/Berlin: Turia + Kant
Zehetner Bettina (2015): Feministische Psychotherapie: Politik statt Pathologisierung. Zur gesellschaftlichen Verantwortung von Psychotherapeut_innen. In: psychosozial: „Geschlecht und Psychotherapie“ Nr. 140, Heft II / 2015. Gießen: Psychosozial, S. 11-24.
Zehetner Bettina: (2015): „Emanzipation als Dienstleistung? Feministische Philosophie in der psychosozialen Beratung“ In: Brigitte Buchhammer (Hg.in): Neuere Aspekte in der Philosophie. Wien: Axia Academic Publishers
Zehetner Bettina: (2016): Berührbarkeit, Verletzlichkeit und Geschlecht. Gewalt in Paarbeziehungen, feministische Philosophie und psychosoziale Beratung. In: Brigitte Buchhammer (Hg.in): Neuere Aspekte in der Philosophie II. Münster: LIT-Verlag

Zehetner, Bettina (2017): „There is a Pussy Riot inside you! Freiheit und feministische Beratung” Festvortrag für das Institut für frauen*spezifische Sozialforschung. Wien

Zehetner, Bettina (2019): Konstruktionen und Kulturen von Krankheit aus Gender-Perspektive. In: Psychotherapie Forum 1/2019. Springer 2019

Zehetner, Bettina (2019): „Feminismus und Freiheit in Theorie und Praxis: Feministische Beratung bei Trennung und Scheidung“ In: Festschrift für Univ.Prof. Herta Nagl. Wien/Berlin: LIT-Verlag

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Last modified: Su 15.09.2019 10:08