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Achtung! Das Lehrangebot ist noch nicht vollständig und wird bis Semesterbeginn laufend ergänzt.

180108 SE Technisierungsformen der Psyche (2013W)

Affektmodulation, Psychotechnologie, Philosophie

5.00 ECTS (2.00 SWS), SPL 18 - Philosophie
Prüfungsimmanente Lehrveranstaltung

Für die erste Einheit wird vorab auf Moodle ein Ausschnitt von Bruce Begouts "Der ParK" zur Einstimmung bereitgestellt.

An/Abmeldung

Hinweis: Ihr Anmeldezeitpunkt innerhalb der Frist hat keine Auswirkungen auf die Platzvergabe (kein "first come, first served").

Details

max. 45 Teilnehmer*innen
Sprache: Deutsch

Lehrende

Termine (iCal) - nächster Termin ist mit N markiert

Freitag 11.10. 10:00 - 12:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 18.10. 10:00 - 12:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 25.10. 10:00 - 12:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 08.11. 10:00 - 12:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 15.11. 10:00 - 12:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 22.11. 10:00 - 12:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 29.11. 10:00 - 12:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 06.12. 10:00 - 12:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 13.12. 10:00 - 12:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 10.01. 10:00 - 12:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 17.01. 10:00 - 12:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 24.01. 10:00 - 12:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 31.01. 10:00 - 12:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien

Information

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

Ausgehend vom Befund eines "affective turn" und vom Siegeszug des "affektiven Dispositivs" (Marie-Luise Angerer) fokussiert das Seminar auf die Problematik der gezielten Affektbeeinflussung bzw. Affektmodulation, die aufgrund der Vervielfachung technischer und medialer Möglichkeiten als vordringliches Thema zeitgenössischen Philosophierens herausgestellt wird.

In diesem Kontext von "Technisierungsformen der Psyche" zu sprechen setzt freilich voraus, den Begriff der Technik auf seine griechische Herkunft zurückzuführen, und da zeigt sich, dass techné über ein sehr weites Bedeutungsfeld verfügt, das von der Rhetorik über Logik, Poetik und Ethik bis zur Handwerkskunst reicht. Diese Komplexität spiegelt sich in heutigen Technologiedebatten wieder, vor allem wenn man neben den industriellen Materialtechnologien die Neurotechnologien, die Sozialtechnologien, die Intellektualtechnologien (Hubig) und die Macht- und Selbsttechnologien (Foucault) bzw. die Psychotechnologien (Stiegler) miteinbezieht. Um diese Bedeutungsvielfalt ins Deutsche zurückzuübertragen, bietet es sich an, "Techniken" als "Weisen des Verfügens" zu bestimmen. Damit wird sowohl die jeweilige Singularität einer Technik gewahrt, als auch das Gemeinsame der Techniken im "Verfügen" ausgemacht wird (und dies sehr nahe an der Etymologie der indogermanischen Sprachwurzel "tek", die mit "zimmern", "flechten" und "fügen" übersetzt werden kann).

Die technikphilosophische Grundlage bilden dabei die Konzeptionen von Christoph Hubig sowie von Bernard Stiegler. In "Die Kunst des Möglichen" setzt sich Hubig mit der Frage nach der "Technomorphizität" des Denkens auseinander, fasst dabei die Technikphilosophie als "Reflexion der Medialität" und beschreibt die Kunst als jene andere Seite der Technik, die das Unverfügbare indirekt durch "Anmutungen" spürbar werden lässt. Hubig vermeidet damit anders als viele herkömmliche technikphilosophische Ansätze jene Engführung auf die Material- oder Realtechniken, die eine angemessene Auseinandersetzung mit dem "Wesen" des Technischen verhindert.

Stiegler hat mit "Technik und Zeit" den fundamentalontologischen Ansatz von Heidegger in Richtung einer Konzeption radikalisiert, die man als "fundamentaltechnologisch" bezeichnen könnte. Auch er kommt nach sehr grundsätzlichen Überlegungen zur "originären Technizität" und der Aufschließung von Antizipation und damit von Zeitlichkeit/Sterblichkeit durch den Gebrauch von Werkzeugen als exteriorisierte Gedächtnisform zu konkreten Überlegungen, inwiefern gegenwärtige Technologien Affekte bzw. die menschliche Psyche insgesamt formen. Ähnlich wie der seit den 70er-Jahren vor der militärischen Logik moderner Massenmedien warnende Paul Virilio sieht Stiegler derzeit vor allem die Gefahr der Zerstörung des retentionalen Bewusstseins durch übermäßigen Gebrauch von Echtzeitmedien und sowie der Aufmerksamkeitsbahnung durch die Psychotechnologien. Sowohl Virilio als auch Stiegler problematisieren damit die nunmehr global einsetzende "Synchronisierung von Affekten".

Diese apokalyptische Sicht soll durch Lektüren einiger Texte von Brian Massumi konterkariert werden. Massumi ist einer der führenden Affekttheoretiker der Gegenwart, der vor allem die jeweils singuläre körperliche Aktualisierung von Affekten bzw. deren soziolinguistische Kodierung zu "Emotionen" in den Blick nimmt. Die von der Politik und den Medien intendierte Synchronisierung der Emotionen wird so zu einem komplexeren Geschehen, als Virilio oder Stiegler es denken, das immer mit dem Risiko bzw. der Chance verbunden bleibt, dass die hervorgerufenen Affekte anders aktualisiert werden und einen anderen Ausdruck generieren, als es intendiert war. Diese Nicht-Determiniertheit der affektiven Reaktionen lässt sich umso mehr produktiv machen, wenn man mit Massumi über emanzipatorische Wege der "Affektmodulation" nachdenkt.

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

Schriftliche Seminararbeit sowie bei einem Termin die Mitgestaltung der Rekapitulation der beim vorigen Termin besprochenen Inhalte (wird bei größerer TeilnehmerInnen-Zahl jeweils im Duo oder Kleingruppe sein).

Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab

Ausreichende Grundkompetenz in aktuellen technikphilosophischen Fragestellungen, Fähigkeit zur vertiefenden Auseinandersetzung.

Prüfungsstoff

Zu Beginn Rekapitulation der beim vorigen Termin besprochenen Inhalte mit Beteiligung der TeilnehmerInnen (ca. 10 Minuten); Vortrag und gemeinsame Analyse ausgewählter Textpassagen (ca. 60 Minuten), anschließend Ermunterung zu Rückfragen und Diskussionen (ca. 20 Minuten).

Literatur

Vorläufige Literaturliste:

ANGERER, Marie-Luise: Vom Begehren nach dem Affekt, Berlin-Zürich 2007.
BEGOUT, Bruce: Der ParK, Berlin-Zürich 2011.
HUBIG, Christoph: Die Kunst des Möglichen I. Technikphilosophie als Reflexion der Medialität, Bielefeld 2006.
MASSUMI, Brian: Ontomacht. Kunst, Affekt und das Ereignis des Politischen, Berlin 2010.
STIEGLER, Bernard: Technik und Zeit 1. Der Fehler des Epimetheus, Berlin-Zürich 2009.
University Press 2011.
STIEGLER, Bernard: Hypermaterialität und Psychomacht, Berlin-Zürich 2010.
VIRILIO, Paul / LOTRINGER, Sylvère: Der reine Krieg, Berlin 1984.
VIRILIO, Paul: Die Verwaltung der Angst, Wien 2011.

Zuordnung im Vorlesungsverzeichnis

BA M 7.2, PP 57.3.7

Letzte Änderung: Mo 07.09.2020 15:36