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180118 SE Körper und Sprache, Geschlecht und Macht (2013W)

Judith Butler und die Potenziale philosophischer Geschlechterforschung

5.00 ECTS (2.00 SWS), SPL 18 - Philosophie
Prüfungsimmanente Lehrveranstaltung

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Details

max. 45 Teilnehmer*innen
Sprache: Deutsch

Lehrende

Termine (iCal) - nächster Termin ist mit N markiert

Freitag 11.10. 12:00 - 14:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 18.10. 12:00 - 14:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 25.10. 12:00 - 14:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 08.11. 12:00 - 14:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 15.11. 12:00 - 14:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 22.11. 12:00 - 14:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 29.11. 12:00 - 14:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 06.12. 12:00 - 14:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 13.12. 12:00 - 14:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 10.01. 12:00 - 14:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 17.01. 12:00 - 14:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 24.01. 12:00 - 14:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien
Freitag 31.01. 12:00 - 14:00 Hörsaal 2G, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/2.Stock, 1010 Wien

Information

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

Thema der LV ist die soziale, diskursive und performative Herstellung von Geschlechterdifferenz und ihre Herausforderungen für die Philosophie. Aktuell lässt sich eine nie da gewesene Flexibilität von Geschlechterkonstruktionen bei gleichzeitiger Stabilität der Geschlechterordnung (Hof 2005) feststellen. Wie können wir das Modell der Performativität von Geschlecht zur kritischen Reflexion philosophischer Praxis verwenden (Kontingenz ihrer Grundlagen, Infragestellung der Dualismen Diskurs und Materialität, Kultur und Natur) und dadurch neue Perspektiven gewinnen und handlungsfähiger werden? Mein Anspruch ist eine konsequente Theorie-Praxis-Vermittlung: Wie können philosophische Gender-Forschung und feministische Philosophie emanzipatorisch wirksam werden? Wie können wir neoliberale Selbstverhältnisse zwischen Selbstermächtigung und Selbstunterwerfung anhand Butlers Theorie von Norm und Transformation - Wiederholung, Aneignung und Resignifizierung von Geschlechternormen (Butler 2009) - neu denken?

Butlers Theorie der Annahme des Geschlechts durch Inkorporation und wiederholende Aneignung von Normen bildet die Grundlage für eine Politik des Performativen. Das Konzept der Performativität eröffnet neue Perspektiven auf menschliche Handlungsfähigkeit. Das Bewusstsein der Kontingenz dieser performativ hervorgebrachten dichotomen Geschlechterverkörperungen Männlichkeit und Weiblichkeit ermöglicht deren selbstbestimmtere Neugestaltung. Normen sind zwar wirkmächtig und konstituieren uns als geschlechtliche Subjekte, sie determinieren uns jedoch nicht, sondern sind für ihre Verkörperung angewiesen auf beständige Wiederholung und somit offen für individuelle und kollektive Neuinterpretation und Transformation.
Das neoliberale unternehmerische Selbst bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Emanzipation und Normalisierung. Im Sinne der Theorie als Werkzeugkiste (Foucault) kann das Instrument kritischer Reflexion zur Erweiterung von Denk- und Handlungsfreiheit beitragen. Philosophische Geschlechterforschung kann somit als emanzipatorische gesellschaftliche Praxis wirksam werden.

Krankheit und Geschlecht sind in ihrer normativen Dimension eng miteinander verknüpft. Judith Butlers Modell der performativen Herstellung von Geschlecht lässt sich für die Analyse der geschlechtsspezifischen Konstituiertheit psychosomatischer Krankheitsbilder nützen (Depression, Essstörungen, selbstverletzendes Verhalten, psychogener Schmerz). Krankheit erweist sich als soziokulturell hervorgebrachte und geschlechterpolitisch wirksame Konstruktion und Deutung körperlicher und psychischer Zustände. In der Ausformung von Krankheitsbildern, ihrer Interpretation und Behandlung werden geschlechtlich markierte Körper inszeniert. Die Perspektive normativer Konstituiertheit von Weiblichkeit und Männlichkeit ermöglicht eine neue Herangehensweise an die Zusammenhänge von Psyche und Körper, Geschlecht und Gesellschaft. Kein Körper, keine Krankheit und kein Geschlecht existiert außerhalb des Prozesses soziokultureller Bedeutungskonstruktion. Sprache und Körper, Diskurs und Materialität sind miteinander verflochten. Die Materialität dichotom bestimmter geschlechtlicher Körper kann mit Butler als Prozess der Materialisierung, als produktivste Wirkung von Macht neu gedacht werden. Die Perspektive der Intersektionalität von Krankheit und Geschlecht bietet emanzipatorisches Potenzial für die Philosophie ebenso wie für Beratung, Psychotherapie und Medizin. Die Reflexion dieser vielschichtigen Konstituiertheit von Körper und Geschlecht erfordert eine neue Wahrnehmung geschlechtlicher Identität und psychosomatischer Zusammenhänge. Was können wir zur Sprache bringen an Wünschen, Bedürfnissen, Konflikten und Leidenszuständen und wie manifestiert sich Ungesagtes in psychosomatischer Symptomgestaltung? Anhand konkreter Beispiele aus der psychosozialen Beratungspraxis werden psychosomatische Verschränkungen untersucht.

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

Aktive Teilnahme, Impulsreferat und schriftliche Arbeit (10-15 Seiten) sowie schriftliche Kommentare zu ausgewählten Texten;
Kriterien für die schriftliche Arbeit:
- Klare Fragestellung
- Einbeziehen von nicht selbst referierten Texten aus dem Reader bzw. der angeführten Literatur sowie den Diskussionen in der LV
- persönlicher Bezug oder / und gesellschaftliche Relevanz der behandelten Thesen und Argumente

Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab

Verständnis der Bedeutung der Kategorie Geschlecht für die philosophische Theorie und Praxis, Ambivalenz von Geschlecht als Analyse- und Ordnungskategorie
Fundierte Kenntnis von Konzepten der performativen, diskursiven und sozialen Konstituiertheit von Körper und Geschlecht (Butler, Foucault)
Einblick in die Zusammenhänge von Macht, Diskurs und Norm in den konstruktivistischen und poststrukturalistischen Subjekttheorien
Verständnis der fundamentalen Sozialität von Körper und Geschlecht

Kenntnisse über psycho-somatische Verflechtungen sowie kulturelle und gesellschaftliche Dimensionen körperlicher Ausdrucksformen und Krankheiten
Stärkung der kritischen Reflexions-, Urteils- und Argumentationsfähigkeit anhand der Lektüre einflussreicher Texte aus dem Feld der feministischen Philosophie und Gender Studies
Reflexion der eigenen Positionalität anhand des Modells des situierten Wissens
Interdisziplinäre Praxisvermittlung und Anwendung philosophischer Theorien und Methoden auf Fragestellungen aus dem psychosozialen Feld mit dem Schwerpunkt Politik des Privaten in Beziehung, Trennung und Gewalt sowie psychosomatischen Verschränkungen

Prüfungsstoff

Vortrag, Lektüre, Impulsreferate, Kleingruppenarbeit, Analyse von Filmsequenzen
Reader mit Grundlagentexten im facultas-Shop (NIG)
Interdisziplinäre Praxisvermittlung im psychosozialen Feld: Exkursion ins Institut für frauenspezifische Sozialforschung

Literatur

Butler, Judith (2009): Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen. Frankfurt/ M.: Suhrkamp
Butler, Judith (2005): Gefährdetes Leben. Politische Essays. Frankfurt/ M.: Suhrkamp
Butler Judith (2003): Kritik der ethischen Gewalt. Frankfurt/ M.: Suhrkamp
Butler, Judith (1998): Hass spricht. Zur Politik des Performativen. FfM.:Suhrkamp
Butler, Judith (1995): Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Berlin: Berlin Verlag
Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt/ M.: Suhrkamp

Deuber-Mankowsky, Astrid (2012): Philosophie außer sich! Gender, Geschlecht, Queer, Kritik und Sexualität. In: Landweer, Hilge et al. (Hg.innen): Philosophie und die Potenziale der Gender Studies. Peripherie und Zentrum im Feld der Theorie. Bielefeld: transcript, 211-230.

Foucault, Michel (1991): Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit Bd.1, Frankfurt/M.: Suhrkamp

Gender Initiativkolleg (Hg.)(2012): Gewalt und Handlungsmacht. Queer_feministische Perspektiven. Frankfurt/M.: Campus

Landweer, Hilge et al. (Hg.innen)(2012): Philosophie und die Potenziale der Gender Studies. Peripherie und Zentrum im Feld der Theorie. Bielefeld: transcript

Landweer, Hilge (1997): Fühlen Männer anders? Überlegungen zur Konstruktion von Geschlecht durch Gefühle. In: Stoller, Silvia/ Vetter, Helmut (Hg.): Phänomenologie und Geschlechterdifferenz. Wien: WUV-Universitätsverlag, 249-273.

Lettow, Susanne (2012): Dezentrierung und Kritik. Die Frage nach Geschlechterverhältnissen in der Philosophie. In: Landweer, Hilge et al. (Hg.innen): Philosophie und die Potenziale der Gender Studies. Peripherie und Zentrum im Feld der Theorie. Bielefeld: transcript, 163-181.

Maihofer, Andrea (2013): Philosophie als anti-metaphysische Haltung zur Welt. In: Grisard, Dominique/ Jäger, Ulle/ König, Tomke (Hg.innen): Verschieden sein. Nachdenken über Geschlecht und Differenz. Sulzbach/Taunus: Ulrike Helmer Verlag, 307-319.

Maihofer, Andrea (2001): Geschlechterdifferenz eine obsolete Kategorie? In: Uerlings, Herbert/ Hölz, Karl/ Schmidt-Linsenhoff, Viktoria (Hg.): Das Subjekt und die Anderen. Interkulturalität und Geschlechterdifferenz vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 55-72.

McRobbie, Angela (2010): Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften

Nagl-Docekal, Herta (2012): Feministische Philosophie im post-feministischen Kontext. In: Landweer, Hilge et al. (Hg.innen): Philosophie und die Potenziale der Gender Studies. Peripherie und Zentrum im Feld der Theorie. Bielefeld: transcript, 231-254.
Nagl-Docekal, Herta (2010): Was ist Feministische Philosophie? In: Aguado, María Isabel Pena/ Schmitz, Bettina (Hg.innen)(2010): Klassikerinnen des modernen Feminismus. Aachen: ein-FACH-verlag, 117-149.
Nagl-Docekal, Herta (2000): Feministische Philosophie. Ergebnisse, Probleme, Perspektiven. Frankfurt: Fischer

Redecker, Eva von (2011): Zur Aktualität von Judith Butler. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften

Thürmer-Rohr, Christina (2012): Ende des Kassandra-Syndroms? Die Tragödie des Schweigens und die Rückeroberung der Sprache. In: Krondorfer, Birge / Grammel, Hilde (Hg.innen): Frauen-Fragen. 100 Jahre Bewegung, Reflexion, Vision. Wien: promedia, 97-114.

TORR, Diane/ BOTTOMS, Stephen (2012): Sex, Drag and Male Roles. Investigating Gender as Performance. Michigan: University of Michigan Press

Zehetner, Bettina (2010): Feministische Trennungsberatung. Von der Abhängigkeit über die Ambivalenz zur Autonomie. In: Frauen beraten Frauen. Institut für frauenspezifische Sozialforschung (Hg.in): Feministische Beratung und Psychotherapie. Gießen: Psychosozial Verlag, 99-111.
Zehetner, Bettina (2012): Krankheit und Geschlecht. Feministische Philosophie und psychosoziale Beratung. Wien/Berlin: Turia + Kant

Zuordnung im Vorlesungsverzeichnis

BA M 11, BA M 13, PP 57.3.7, PP 57.3.6

Letzte Änderung: Mo 07.09.2020 15:36