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180121 KU Zum Gewaltpotential unbedingter Ansprüche (2019W)

5.00 ECTS (2.00 SWS), SPL 18 - Philosophie
Prüfungsimmanente Lehrveranstaltung

Moodle; Mo 16.12. 09:45-13:00 Hörsaal 3F NIG 3.Stock

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Details

max. 30 Teilnehmer*innen
Sprache: Deutsch

Lehrende

Termine (iCal) - nächster Termin ist mit N markiert

ACHTUNG!! Die Lehrveranstaltung ist geblockt vom 07.10.-02.12.2019!!

Montag 07.10. 09:45 - 13:00 Hörsaal 3F NIG 3.Stock
Montag 21.10. 09:45 - 13:00 Hörsaal 3F NIG 3.Stock
Montag 28.10. 09:45 - 13:00 Hörsaal 3F NIG 3.Stock
Montag 04.11. 09:45 - 13:00 Hörsaal 3F NIG 3.Stock
Montag 11.11. 09:45 - 13:00 Hörsaal 3F NIG 3.Stock
Montag 18.11. 09:45 - 13:00 Hörsaal 3F NIG 3.Stock
Montag 25.11. 09:45 - 13:00 Hörsaal 3F NIG 3.Stock
Montag 02.12. 09:45 - 13:00 Hörsaal 3F NIG 3.Stock

Information

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

Edmund Burke, dem Kritiker der Fran­zösischen Revolution, zufolge muss Zusammenleben auf Kompromisse und Verhandlungen gegründet sein. Kompromisslose Unnachgiebigkeit dage­gen scheint alle Vor­­teile guten Zusammen­lebens zu riskieren, ja zu ruinieren. Burke hielt den Gedanken für abwegig, im Namen z.B. einer für unanfechtbar gehaltenen und keinen Kompromiss gestattenden Wah­r­­­heit das Glück der Menschen zu riskieren, dem alle Politik verpflichtet sei.
Generell besteht das Problem, ob das politische Leben nicht von allen unanfechtbaren Ansprüchen ent­lastet werden muss, die scheinbar keinerlei Kompromiss gestatten. Es herrscht die Meinung vor, dass solch unbedingte Ansprüche schlimmste Formen der Gewalt heraufbeschwören. Daher wird oft konsequenter Verzicht auf letzte Wahrheiten als Fun­­damente des Politischen verlangt und statuiert, jeglicher unbedingte Wahrheitsanspruch müsse als desavouiert gelten und nichts sei so gefährlich wie ein Anspruch auf angeblich Gemeinschaft begründende Wahrheit. Andere halten dagegen nach wie vor die Suche nach einer auch im politischen Leben zu bewährenden Wahrheit für unverzichtbar – und sei es nur die Wahrheit des Verzichts auf Wahrheit. Weniger unter Berufung auf solche Wahrheiten als auf „unbedingte“ bzw. „unverzichtbar“ geltende Ansprüche wird heute oft bestritten, dass das Politische sich auf ein Geschäft von Verhandlungen und Kompromissen reduzieren lasse:
− In diesem Sinne ist vom „Anspruch des Anderen“ die Rede, oft mit Bezug auf Levinas, dem man vorgeworfen hat, diesen Anspruch ethisch zu hypostasieren und ihm das Politische gewaltsam zu unterwerfen. Beschwört also ein solcher Anspruch (an Andere oder auf Gerechtigkeit etwa) Gewalt herauf?
− Ähnliche Probleme wirft das individuelle Verlangen nach einem lebbaren Leben auf, wie es Butler oder Cavarero diskutieren, oder auch der Anspruch auf ein würdiges bzw. nicht entwürdigendes (Margalit) und anerkanntes Leben (Honneth).
− Vom Anspruch darauf, wenigstens wahrgenommen zu werden und insofern politisch zu „zählen“ (Rancière) über den Anspruch, nicht gedemütigt zu werden, bis zur Rücksicht und zur Anerkennung kommt vieles in Betracht, was als „unabdingbar“ gelten kann.

Angesichts solcher Ansprüche, in denen sich ein Widerstreit von ethischem Anspruch und normativem politischen Kalkül verkörpert, stellen sich Fragen: Müssen solche Ansprüche, wenn sie als verletzt erfahren werden, nicht unvermeidlich einen tiefen Konflikt mit einer politischen Lebensform heraufbeschwören, sofern diese voraussetzt, dass man in jeder Hinsicht zu Kompromissen bereit zu sein hat? Muss ein unbedingter Anspruch wie der auf ein würdiges Leben notwendig in Konflikt geraten mit politischen Lebensformen, die scheinbar überhaupt keinem unbedingten Anspruch mehr gerecht werden können und es ausschließen, dass man auf einen solchen Anspruch besteht? Ist Kompromiss in diesem Sinne unumgänglich „zum Aufbau und Erhalt einer gemeinsamen Welt und zum Kultivieren der convivialité“ – als ein „Bollwerk gegen die Gewalt“ also? Ist Kompromissbereitschaft für eine verlässliche politische Kultur unverzichtbar, die uns ans Herz zu legen scheint, auf überhaupt nichts „kompromisslos“ zu bestehen, schon gar nicht auf für wahr oder sakrosankt Gehaltenem? Gilt so nicht die Erhaltung einer vielfach strittigen Sozialität im Vergleich zu allem, was man für absolut wahr oder heilig hält, als vorrangig, auch wenn die dafür zu erbringenden Verzichtsleistungen ihrerseits Gewalt heraufbeschwören? Das Problem eines Gewaltpotenzials unbedingter Ansprüche bleibt also auch so zu wenden: Die Aufgabe muss daher ebenso darin bestehen, deren Beschränkung oder Unterdrückung im Namen des Politischen und nicht nur dessen Überforderung durch solche Ansprüche zu bedenken.

Methode:
- Einführung des Vortragenden;
- Verpflichtende Exzerpte zu drei Basistexten
- Referate zu ausgewählten Texten;
- Lektüre u. Diskussion zentraler Passagen;
- Abschlussdiskussion;
- Besprechung der schriftlichen Hausarbeit

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

- 3 verpflichtende Exzerpte zu Basistexten
- Mündliches Referat
- Aktive Mitarbeit, Diskussionsbeiträge
- schriftliche Abschlussarbeiten
- Nachbesprechung der Arbeit

Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab

Regelmäßige Anwesenheit und Mitarbeit, Exzerpte, schriftliche Abschlussarbeit, mündliche Nachbesprechung der Abschlussarbeit

Prüfungsstoff

Der im Kurs behandelte Stoff

Literatur

A. ASSMANN, & J. ASSMANN, „Kultur und Konflikt. Aspekte einer Theorie des unkommunikativen Handelns“, in: J. Assmann & D. Harth (Hg.), Kultur und Konflikt, Framkfurt/M: 1990, 11-48
S. BENHABIB, Dignity in Adversity. Human Rights in Troubled Times, London 2011.
U. BRÖCKLING, & R. FEUSTEL (Hg.), Das Politische Denken. Zeitgenössische Positionen, Bielefeld 2010.
J. Butler, “Universality in Culture”, in: J. Cohen (Hg.), For Love of Country. Martha C. Nussbaum with Respondents, Boston, 45-52.
―, “Gewalt, Trauer, Politik”, in: Gefährdetes Leben. Politische Essays, Frankfurt/M. 2005, 36-68.
P. CENTLIVRES, “The controversy over the Buddhas of Bamiyan”, South Asia Multidisciplinary Academic Journal 2(2008), 1-12.
J. DERRIDA, Schurken. Zwei Essays über die Vernunft. Frankfurt/M. 2006.
F. FANON, Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1981
J. Habermas, „Inklusion – Einbeziehen oder Einschließen? Zum Verhältnis von Nation, Rechtsstaat und Demokratie“, in Die Einbeziehung des Anderen, Frankfurt/M. 21997, 154-184.
―, „Kampf um Anerkennung im demokratischen Rechtsstaat“, in Die Einbeziehung des Anderen, Frankfurt/M. 21997, 237-276.
A. HONNETH., „Integrität und Missachtung. Grundmotive einer Moral der Anerkennung.“ Merkur. Zeitschrift für europäisches Denken 44. JG (Dez. 1990), 1043-1054.
C. LEFORT, & M. GAUCHET, „Über die Demokratie: Das Politische und die Instituierung des Gesellschaftlichen“, in: U. Rödel (Hg.), Autonome Gesellschaft und libertäre Demokratie, Frankfurt/M. 1990, 89-122.
B. LIEBSCH, Einander ausgesetzt. Der Andere und das Soziale. 2Bde. Freiburg 2018.
B. LIEBSCH & Michael STAUDIGL (Hg.), Bedingungslos? Zum Gewaltpotential unbedingter Ansprüche im Kontext politischer Theorie, Baden-Baden 2015.
N. Loraux, „Das Band der Teilung“, in J. Vogl (Hg.), Gemeinschaften. Positionen zu einer Philosophie des Politischen, Frankfurt/M. 1994, 31-64.
A. Margalit, Über Kompromisse und faule Kompromisse, Frankfurt/M. 2011 (Einleitung und Kap. 1-4, pp. 9-27, 28-50, 51-83, 84-107, 108-142).
―, The Decent So­ciety, Cambridge, London 1996.
C. MOUFFE, „Radical Democracy: Modern or Postmodern?“ Social Text, 21(1989): 31-45
J. Ran­cière, Das Unvernehmen. Politik und Philosophie, Frankfurt am Main 1992
―, „Die Gemeinschaft der Gleichen“, in: J. Vogl (Hg.), Gemeinschaften. Positionen zu einer Philosophie des Politischen, Frankfurt/M. 1994, 101-132.
―, „Konsens, Dissens, Gewalt“, in: M. Dabag et al. (Hg.), Gewalt, München 2000, 97-112.
R. Safranksi, Wieviel Wahrheit braucht der Mensch?, München 1990
R. Rorty, Kontingenz, Ironie und Solidarität, Frank­furt/M. 1992
J. SHKLAR, Über Ungerechtigkeit, Berlin 1992 (Kap. 1 und 2)
C. TAYLOR, Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung. Frankfurt/M. 1993.
M. WALZER., „Moralischer Minimalismus“, in: Dt. Zs. für Philosophie 42 (1994), 3-13.
D. WETZEL, Wachstumskritik im postmodernen Kapitalismus. Begründungsversuche ‚unbedingter Ansprüche‘ im Kontext alternativer Lebensformen, in: Liebsch, Staudigl (Hg.), Bedingungslos?, 211-227
S. ŽIŽEK, “Genieße Deine Nation wie Dich selbst! Der Andere und das Böse – Vom Begehren des ethnischen Dings”, in: J. Vogl (Hg.), Gemeinschaften. Positionen zu einer Philosophie des Politischen, Frankfurt/M. 1994, 133-164.

Zuordnung im Vorlesungsverzeichnis

Letzte Änderung: Di 26.11.2019 15:08