Universität Wien FIND

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180316 SE Das Ding (2010W)

Vom Körper der Mutter zu den schönen Dingen

6.00 ECTS (2.00 SWS), SPL 18 - Philosophie
Prüfungsimmanente Lehrveranstaltung

Fr 12.11.: 14-18 Uhr HS 3D

Sa 13.11.: 10-14 Uhr HS 2G

Fr 26.11.: 14-18 Uhr HS 2H

Sa 27.11.: 10-14 Uhr HS 2i

Fr 14.1.: 16-20 Uhr HS 3B

Sa 15.1.: 10-14 Uhr HS 2G

An/Abmeldung

Details

max. 45 Teilnehmer*innen
Sprache: Deutsch

Lehrende

Termine

Zur Zeit sind keine Termine bekannt.

Information

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

Im Zentrum des Seminars steht die Theorie Julia Kristevas, wonach die Mutter, mit der das kleine Kind noch symbiotisch verbunden ist, als Ding bezeichnet wird (vgl. Kristeva: Schwarze Sonne: Depression und Melancholie, 2007). Diesem Mutterding kommt eine wichtige Schwellenfunktion in der Entwicklung des Kindes zu einem autonomen Subjekt zu, da es einerseits das Reale des mütterlichen Körpers umfasst und andererseits nun in das Register des Symbolischen, d. h.: in die Zeichen der Sozietät übersetzt werden soll. Gelingt diese Transposition des mütterlichen Dings in die konventionellen, repräsentativen oder auch ausdrucksstarken Zeichen der Sprache nicht, so verharrt das Kind im unsagbaren Schmerz um die verlorene Nähe Mutter; ein Schmerz, der es dem Kind in gleichsam negativer Weise weiter gestattet, an der Bindung festzuhalten und der unbewusst zu jenen Symptomen führt, die unter dem Phänomen der Melancholie oder Depression bekannt sind. Gelingt jedoch dem Kind die geforderte Transposition, so gewinnt es die Möglichkeit, die Mutter zunehmend als von sich unterschiedene, andere bzw. als ganzes Objekt wahrnehmen zu können; ein Objekt, auf das sich seine Liebe und sein Hass gleichermaßen richten können und das durch die Loslösung nun auch betrauerbar und ersetzbar wird. Erst durch das Überschreiten dieser Schwelle kann das Kind als Subjekt in der Welt ankommen und die Mutter nun zur Vorlage für die eigene geschlechtliche Identifikation oder für das Objekt seines Begehrens wählen. Daneben gibt es allerdings nach Kristeva auch die Möglichkeit, den Loslösungskonflikt des Kindes auf die sublimatorische Ebene zu verschieben und hier nun (a.) entweder, am Ding festhaltend, die verlorene symbiotische Nähe zur Mutter durch die Kunst zu beschwören oder (b.) es durch das (Er-)Finden der schönen Dinge zu ersetzen.
(Unterrichtssprache: Deutsch)

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

Für den Erwerb eines Zeugnisses sind die Anwesenheit der Studierenden sowie die aktive Mitarbeit sowie das Verfassen einer Schriftlichen Seminararbeit (20 Seiten) erforderlich. Die Vergabe von Referaten an Studierende zu Teilbereichen des Stoffes der Lehrveranstaltung ist möglich, für den Zeugniserwerb aber nicht Voraussetzung.

Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab

Ziel des Seminars ist es, Julia Kristevas Ding-Theorie zu vermitteln, wobei vor allem die Relevanz des mütterlichen Dings für die geschlechtliche Subjektkonstitution sowie die Möglichkeiten zur Sublimation zentral herausgearbeitet werden sollen. Hierbei soll der Spracherwerb und das semiologisches Vermögen des Subjekts im Kontext einer Krisenbewältigung des Infans erkennbar gemacht werden.

Prüfungsstoff

Das Seminar beginnt mit einem Vortrag, der in Kristevas Theorie einführt und die damit verbundenen Fragestellungen für die Subjektkonstitution beleuchtet. Der Lehrstoff wird dann anhand thematischer Blöcke aufbauend durch entsprechende Textausschnitte, vertiefende Grundlagenliteratur und Beispiele aus der Kunst in Form von Referaten sowie in gemeinsamer Diskussion vermittelt. Den Studierenden werden dabei Erkenntnisse und Themenbereiche der philosophischen Geschlechterforschung, der Subjekttheorie der Gegenwartsphilosophie ("Continental Philosophy") sowie der strukturalen psychoanalytischen Kulturwissenschaft nahe gebracht.

Literatur

Abraham, Nicolas / Torok, Maria (1976): Kryptonomie. Das Verbarium des Wolfsmannes. Editiert von Urs Engeler. Engeler, Basel/Weil am Rhein 2008.
Billmeier, Thilo: „Kolloquium Julia Kristeva „Schwarze Sonne. Depression und Melancholie“. Protokoll zur Sitzung am 16. 01. 10.“ (Ein bislang noch unveröffentlichtes Manuskript zum Verhältnis Kristeva, Heidegger und Kant im Bezug auf den Dingbegriff. Dieser Text geht zurück auf einen Vortrag von Thilo Billmeier in dem von Christian Kupke konzipierten Kristeva-Kolloquium im Rahmen der Gesellschaft für Philosophie und Wissenschaften der Psyche an der Charité Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Berlin 2009-2010.)
Butler, Judith (1995): Melancholisches Geschlecht / Verweigerte Identifizierung, in: dies.: Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001.
Derrida, Jacques: FORS, in Abraham/Torok (1976).
Freud, Sigmund (1916): Trauer und Melancholie, in: ders.: Gesammelte Werke, chronologisch geordnet. Fischer, Frankfurt/Main 1999, Band X (1913-1917).
Freud, Sigmund: Entwurf einer Psychologie, Gesammelte Werke, Bd.19: Nachtragsband. Texte aus den Jahren 1885-1983, Frankfurt/M. 1987, S.375ff.
Green, André: Die tote Mutter. Psychoanalytische Studien zu Lebensnarzißmus und Todesnarzißmus, übers. v. E. Wolff u. E. Kittler, Gießen 2004.
Heidegger, Martin (1962): Die Frage nach dem Ding. Zu Kants Lehre von den transzendentalen Grundsätzen. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1987.
Heidegger, Martin: Das Ding, in: ders., Vorträge und Aufsätze, Pfullingen 1954, S.157-175.
Heidegger, Martin: Die Frage nach dem Ding. Zu Kants Lehre von den transzendentalen Grundsätzen, Tübingen 1975.
Kant, Immanuel (1781-1787): Kritik der reinen Vernunft. Werkausgabe Band 1 und 2, hrsg. von Wilhelm Weischedel. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1974
Klein, Melanie (1937): Zur Psychogenese der manisch-depressiven Zustände, in: dies.: Das Seelenleben des Kleinkindes und andere Beiträge zur Psychoanalyse. Hrsg. von Hans A. Thorner. Klett-Cotta, Stuttgart 2006.
Klein, Melanie: Beitrag zur Psychogenese der manisch-depressiven Zustände, in: Gesammelte Schriften Bd.I.2, übers. v. E. Vorspohl, Stuttgart 1996, S. 35-75.
Klein, Melanie: Die Trauer und ihre Beziehung zu manisch-depressiven Zuständen, in: Gesammelte Schriften Bd.I.2, übers. v. E. Vorspohl, Stuttgart 1996, S. 159-199.
Kristeva, Julia (1987): Schwarze Sonne. Depression und Melancholie. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs und Achim Russer. Brandes & Apsel, Frankfurt/M. 2007.
Lacan, Jacques (1955): Das Freudsche Ding. Oder der Sinn einer Rückkehr zu Freud in der Psychoanalyse. Aus dem Französischen von Monika Mager. Turia + Kant, Wien 2005.
Lacan, Jacques (1959-1960): Die Ethik der Psychoanalyse. Das Seminar, Buch VII. Quadriga, Weinheim, Berlin 1996.
Laquièze-Waniek, Eva: Kann das Schöne traurig sein? Julia Kristeva: Schwarze Sonne: Depression und Melancholie. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs und Achim Russer. Brandes & Apsel, Frankfurt/M 2007, in: Texte. Psychoanalyse. Ästhetik. Kulturkritik, Heft 1/2010, Passagen Verlag, Wien.
Segal, Hanna: Bemerkungen zur Symbolbildung, in: Melanie Klein heute, hrsg. v. E. B. Spillius, München / Wien 1990, S.202-224.

Zuordnung im Vorlesungsverzeichnis

MA M3, § 4.2.2

Letzte Änderung: Mo 07.09.2020 15:36