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190091 SE M7.3 Entwicklungsprozesse in Beratung und Psychotherapie (2017W)

Die Narration des Traumas im Kontext der Biographieforschung

5.00 ECTS (2.00 SWS), SPL 19 - Bildungswissenschaft
Prüfungsimmanente Lehrveranstaltung

Details

max. 25 Teilnehmer*innen
Sprache: Deutsch

Lehrende

Termine (iCal) - nächster Termin ist mit N markiert

Freitag 20.10. 11:30 - 13:00 Seminarraum 5 Sensengasse 3a 1.OG
Freitag 17.11. 13:15 - 19:00 Seminarraum 6 Sensengasse 3a 2.OG
Samstag 18.11. 09:45 - 17:00 Seminarraum 5 Sensengasse 3a 1.OG
Sonntag 19.11. 09:45 - 17:00 Seminarraum 5 Sensengasse 3a 1.OG

Information

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

Der Begriff des Traumas wird sowohl in den diversen Professionen als auch in der Alltagssprache inflationär gebraucht. Zu definieren, welches Ereignis wie und wann traumatisch wirken kann, stellt eine große Schwierigkeit in der Theorie dar. Es ist bekannt, dass Unfälle, Katastrophen, Krieg, Folter und Gewalt schwerwiegende
Irritationen des Ichs verursachen können. Weit weniger bekannt ist, inwieweit sich die Krisen1 im Leben von Kindern - die auch durch hinreichend gute Eltern oder weitere Erziehungspersonen nicht gänzlich vermieden, jedoch gut abgefedert werden können - traumatisch auf das eigene Ich auswirken können.

Sowohl in der Forschung als auch in Beratung und Psychotherapie sind wir immer wieder mit Menschen konfrontiert, die traumatische Erlebnisse erfahren mussten. So unterschiedlich die diversen Fachdisziplinen das Trauma im Gesamten verstehen, ist
allen gemeinsam, dass das Trauma seine Ätiologie in einem zersetzenden Geschehen 2 hat, das die Psyche des betroffenen Menschen als Erfahrung nicht integrieren kann und es Notmaßnahmen bedarf, damit ein Weiterleben 3 möglich wird.
Welche Notmaßnahmen von betroffenen Personen herangezogen werden, ist sehr unterschiedlich in Bezug auf das Erlebte und die Abwehrmechanismen, die sowohl Erzähler*innen als auch Hörer*innen anwenden. Narrative Interviews in der
Biographieforschung sind untrennbar mit dem Prozess des Erinnerns und Erzählens verbunden. Dem gegenüber kann auch ein Nicht-Erzählen und Nicht-Erinnern stehen: 'Ich habe Angst. Ich möchte nicht deutsch sprechen. Ich habe das Gefühl, dass ich mich an etwas erinnern muß, das ich vergessen wollte, wenn ich deutsch
spreche.' Greenson (1982:15), der aufgrund von Krieg und Verfolgung ins Exil in die USA gehen musste, beschreibt hier einen Prozess von schwer konflikthaft besetzen Themen. Sprache in Verbindung mit Trauma ist allerdings eine notwendigeAuseinandersetzung, da das Erzählen der Ereignisse nur über Sprechen möglich ist.
Auf beiden Seiten kann nur ungenügend dem Nicht-Erzählbaren Rechnung getragen werden. Der Kern der Traumatisierung ist bei Interviewer*innen in der Irritation undim Zurückbleiben mit einem konfusen Erleben in Verbindung zu bringen (vgl. Bohleber 2000:824).

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

Regelmäßige Teilnahme und aktive Beteiligung an den Seminarsitzungen, regelmäßige Vor- und Nachbereitung der Sitzungen (insbesondere Vorbereiten von Texten), aktive Mitarbeit in einer Arbeitsgruppe und Präsentation eines Gruppenreferats, Abgabe einer schriftlichen Ausarbeitung des Referats, aktive Beteiligung an der Forschungswerkstatt als praktische Übung.

Arbeitsgruppen zu den Referaten
Die Arbeitsgruppenzuordnung findet in der Vorbesprechung statt.
Die Bereitschaft zur aktiven Mitarbeit in einer Arbeitsgruppe und die Präsentation eines Gruppenreferats ist Voraussetzung für die Teilnahme am Seminar. Die Ausarbeitung und Präsentation der Referate soll eine Grundlage der Seminardiskussion bilden. Bitte formulieren Sie dafür auch Fragen für die Diskussion am Ende Ihres Referats.

Studierende, die eine Seminararbeit schreiben müssen, können die Seminararbeit alleine (Umfang 15 Seiten) oder zu zweit (Umfang 20-25 Seiten) verfassen.
Bitte weisen Sie bei gemeinsam verfassten Arbeiten aus, wer welche Teile geschrieben hat (im Inhaltsverzeichnis oder in den Überschriften). Einleitung und Fazit können auch gemeinsam verfasst werden. Das Thema der Seminararbeit kann im Seminar bzw. per Email besprochen werden.

Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab

Unterrichtsform
Im Anschluss an eine Vorbesprechung zu Inhalten und Zielen des Seminars soll in zwei Blockveranstaltungen jeweils an den Grundlagentexten, den sequenzanalytischen Filminterpretationen und mit der Methode der Kollegialen Fallberatung gearbeitet werden.

Konzept:
Durch ausgewählte Grundlagentexte soll auf Basis eines qualitativ-interpretativen und rekonstruktiven Zugangs das Konzept der 'narrativen Figur' und ihre Bedeutung für Beratung und Psychotherapie herausgearbeitet werden. Die Grundlagentexte sollen durch eine Filmanalyse am Beispiel eines Dokumentarfilms und weiterer Filmbeispiele sequenzanalytisch ergänzt werden und zum Theorieverständnis beitragen.
Die Lehrmethoden des Seminars beinhalten die Arbeit an ausgewählten Texten sowie sequenzanalytischer Filminterpretation. Die Beschreibung, Rekonstruktion und Analyse biographischer Narrative soll am Beispiel von traumatischen Prozessen herausgearbeitet werden.Die Beteiligung der Studierenden soll durch Diskussion und durch das Einbringen von Falldarstellungen aus der eigenen Praxiserfahrung ausgeweitet werden. Das Erzählen über Beratungs-/ Behandlungsprozesse soll durch die Methode der Kollegialen Fallberatung ergänzt werden.

Prüfungsstoff

Referat (und Seminararbeit)
Studierende, die eine Seminararbeit schreiben müssen, können die Seminararbeit alleine (Umfang 15 Seiten) oder zu zweit (Umfang 20-25 Seiten) verfassen.
Bitte weisen Sie bei gemeinsam verfassten Arbeiten aus, wer welche Teile geschrieben hat (im Inhaltsverzeichnis oder in den Überschriften). Einleitung und Fazit können auch gemeinsam verfasst werden. Das Thema der Seminararbeit kann im Seminar bzw. per Email besprochen werden.

Literatur

Becker, David (2009): Die Schwierigkeit, massives Leid angemessen zu beschreiben und zu verstehen. Traumakonzeptionen, gesellschaftlicher Prozess und die neue Ideologie des „Opfertums“. In: Trauma und Wissenschaft. Karger, André (Hrsg.), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, pp. 61-91

Briendl, Linda (2007): Die überschattete Emotion: von der Peinlichkeit zur Selbstverachtung. A1-Vortrag, 17. April 2007, im Rahmen der 57. Lindauer Psychotherapiewochen 2007

Güllich, Elisabeth / Schöndienst, Martin (2015): Brüche in der Kohärenz bei der narrativen Rekonstruktion von Krankheitserfahrungen. In: Narrative Bewältigung von Trauma und Verlust. Scheidt, Carl Eduard / Lucius-Hoene Gabriele / Stuckenbrock, Anja / Waller, Elisabeth (Hrsg.). Schattauer Verlag, Stuttgart, pp. 121-132

Hantke, Lydia: Paulas Labyrinth (1998): Vom Versuch der Integration traumatisierender Erfahrungen. In: Psychologie und Gesellschaftskritik 22 (1998), 4, pp. 47-64. URN: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-20056

Inowlocki, Lena (2012): Versteckt und verfolgt in der Kindheit: Aspekte biographischen Erinnerns und der Unterstützung im Alter. In: Gebrochene Identitäten. Auswirkungen traumatischer Erfahrungen auf Child Survivors. Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V. (Hrsg.), Kongressbeiträge 4. - 7. November 2012, pp. 6-12

Kraus, Wolfgang (2015): Arbeit am Unerzähbaren. Narrative Identität und die Nachtseite der Erzählbarkeit. In: Narrative Bewältigung von Trauma und Verlust. Scheidt, Carl Eduard / Lucius-Hoene Gabriele / Stuckenbrock, Anja / Waller, Elisabeth (Hrsg.). Schattauer Verlag, Stuttgart, pp. 109-118

Keilson, Hans (2005): Die extreme Belastungssituation. Die traumatische Sequenz. Sequentielle Traumatisierung bei Kindern. Untersuchung zum Schicksal jüdischer Kriegswaisen, Psychosozial Verlag, Gießen
Keilson, Hans (1984): Wohin die Sprache nicht reicht. In: Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen. Bohleber, Werner (Hrsg.), 38 (10), 915-926

Loch, Ulrike (2008): Spuren von Traumatisierungen in narrativen Interviews [20 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 9 (1), Art. 54, http://nbnresolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0801544

Marotzki, Winfried (2006): Bindungstheorie und Allgemeine Biographieforschung. In: Handbuch erziehungswissenschaftliche Biographieforschung. Krüger, Heinz-Hermann / Marotzki, Winfried (Hrsg.), 2. Aufl. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden

Moré, Angela (2013): Die unbewusste Weitergabe von Traumata und Schuldverstrickungen an nachfolgende Generationen. In: Journal für Psychologie. Jg. 21 (2013), Ausgabe 2: Inter/Generationalität http://www.journal-fuer-psychologie.de/index.php/jfp/article/view/268/310 am 03.03.2016

Quindeau, Ilka (2012): Michael, Haneke. „Das Weiße Band.“ 2009. In Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen. Bohleber, Werner (Hrsg.), 66. Jahrgang, Heft 3, pp. 268-274

Riemann, Gerhard (1987): Die Haltung zur eigenen Biographie. In: Das Fremdwerden der eigenen Biogrpahie: narrative Interviews mit psychiatrischen Patienten. Fink, München (Übergänge: Texte und Studien zu Handlung, Sprache und Lebenswelt 19). - ISBN3-7705-2396-2. URN: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-10330, pp. 424-475

Schulze, Heidrun ; Witek, Kathrin (2015): Mit Kindern und Jugendlichen über Gewalt sprechen: Reflexion eines Forschungsprojektes mit Schulklassen und Überlegungen für die Praxis. In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung 10 (2015), 3, pp. 345-351. URN: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-447910

Zimmermann, David (2012): Zwangsmigration und Sequenzielle Traumatisierung in der Adoleszenz. In: Migration und Trauma. Pädagogisches Verstehen und Handeln in der Arbeit mit jungen Flüchtlingen. Psychosozial Verlag, ORT, pp. 49-81

Filme

Atmen. Regie: Karl, Markovics, Drehbuch: Karl Markovics. Kamera: Martin, Gschlacht. Produktion: Dieter Pochlatko, / Nikolaus Wisiak Schnitt: Alarich Lenz, Produktionsland: AT, Lauflänge

Zuordnung im Vorlesungsverzeichnis

M7.3

Letzte Änderung: Fr 31.08.2018 08:42