Universität Wien

210080 SE BAK 9 Wahlmodul: Politische Theorien und Theorieforschung (2023S)

Biopolitik und Vulnerabilität

6.00 ECTS (2.00 SWS), SPL 21 - Politikwissenschaft
Prüfungsimmanente Lehrveranstaltung

Eine Anmeldung über u:space innerhalb der Anmeldephase ist erforderlich! Eine nachträgliche Anmeldung ist NICHT möglich.
Studierende, die der ersten Einheit unentschuldigt fern bleiben, verlieren ihren Platz in der Lehrveranstaltung.

Achten Sie auf die Einhaltung der Standards guter wissenschaftlicher Praxis und die korrekte Anwendung der Techniken wissenschaftlichen Arbeitens und Schreibens.
Plagiierte und erschlichene Teilleistungen führen zur Nichtbewertung der Lehrveranstaltung (Eintragung eines 'X' im Sammelzeugnis).
Die Lehrveranstaltungsleitung kann Studierende zu einem notenrelevanten Gespräch über erbrachte Teilleistungen einladen.

An/Abmeldung

Hinweis: Ihr Anmeldezeitpunkt innerhalb der Frist hat keine Auswirkungen auf die Platzvergabe (kein "first come, first served").

Details

max. 50 Teilnehmer*innen
Sprache: Deutsch

Lehrende

Termine (iCal) - nächster Termin ist mit N markiert

Montag 06.03. 16:45 - 18:15 Hörsaal 41 Gerda-Lerner Hauptgebäude, 1.Stock, Stiege 8
Montag 20.03. 16:45 - 18:15 Hörsaal 41 Gerda-Lerner Hauptgebäude, 1.Stock, Stiege 8
Montag 27.03. 16:45 - 18:15 Hörsaal 41 Gerda-Lerner Hauptgebäude, 1.Stock, Stiege 8
Montag 17.04. 16:45 - 18:15 Hörsaal 41 Gerda-Lerner Hauptgebäude, 1.Stock, Stiege 8
Montag 24.04. 16:45 - 18:15 Hörsaal 41 Gerda-Lerner Hauptgebäude, 1.Stock, Stiege 8
Montag 08.05. 16:45 - 18:15 Hörsaal 41 Gerda-Lerner Hauptgebäude, 1.Stock, Stiege 8
Montag 15.05. 16:45 - 18:15 Hörsaal 41 Gerda-Lerner Hauptgebäude, 1.Stock, Stiege 8
Montag 22.05. 16:45 - 18:15 Hörsaal 41 Gerda-Lerner Hauptgebäude, 1.Stock, Stiege 8
Montag 05.06. 16:45 - 18:15 Hörsaal 41 Gerda-Lerner Hauptgebäude, 1.Stock, Stiege 8
Montag 12.06. 16:45 - 18:15 Hörsaal 41 Gerda-Lerner Hauptgebäude, 1.Stock, Stiege 8
Montag 19.06. 16:45 - 18:15 Hörsaal 41 Gerda-Lerner Hauptgebäude, 1.Stock, Stiege 8
Montag 26.06. 16:45 - 18:15 Hörsaal 41 Gerda-Lerner Hauptgebäude, 1.Stock, Stiege 8

Information

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

In den 1970er Jahren prägt Michel Foucault den Begriff der Biopolitik. Er versteht darunter einen neuen Typ von Regierungstechnologien, der sich ab dem 18. und 19. Jh. durchsetzt und dessen Gegenstand nicht weniger als das Leben mitsamt seinen biologischen Prozessen ist. Anders als in klassischen Modellen der Souveränität geht es bei der Biopolitik – zumindest vordergründig – also nicht mehr darum, Macht durch das Recht zu töten auszuüben, sondern darum, das Leben der Bevölkerung zu steigern, zu regulieren und „in einem Bereich von Wert und Nutzen zu organisieren“ (Foucault 1976, 73).
Obgleich Foucault die produktive, lebenserhaltende und -steigernde Dimension von Biopolitik herausstreicht, betont er aber auch ihre negative oder exkludierende Seite: So wird der Rassismus zum wichtigsten Instrument der Biopolitik, um eine Zäsur einzuführen innerhalb "einer als prinzipiell homogen vorgestellten biologischen Ganzheit“ (Folkers/Lemke 2014, 15) wie der Bevölkerung oder menschlichen Spezies und um Akzeptanz dafür zu schaffen, dass bestimmte Gruppen erhöhten Todesrisiken ausgesetzt werden. „Biopolitik ist“, wie Daniele Lorenzini in einem 2020 im Angesicht der Covid-19 Pandemie publizierten Artikel erinnert, „immer eine Politik der unterschiedlichen Vulnerabilität“.

Mit dem Schlagwort „Vulnerabilität“ ist ein zweiter wichtiger Begriff benannt, der in den letzten Jahren vor allem durch feministische Diskurse – insbesondere durch das Denken Judith Butlers – innerhalb politisch-theoretischer Debatten an Relevanz gewonnen hat. Im Fokus steht, neben der Analyse einer strukturellen und politisch bedingten Ungleichverteilung von Vulnerabilität, dabei auch das mögliche Handlungs- und Widerstandspotenzial, das sich aus der Mobilisierung der Idee einer unhintergehbaren und global geteilten Vulnerabilität ergibt.

Mit Fokus auf politische Herausforderungen und Krisen der Gegenwart verfolgt die Lehrveranstaltung das Ziel, die Begriffe der Biopolitik und Vulnerabilität in ihrem strukturellen Zusammenhang zu begreifen und sie kritisch auf ihr Analysepotenzial abzuklopfen. Darüber hinaus sollen weitere Analysekategorien wie etwa der von Achille Mbembe geprägte Begriff der Nekropolitik miteinbezogen werden. Der Begriff der Nekropolitik stellt insofern eine entscheidende Ergänzung dar, als er die „eurozentrische Verengung der foucaultschen Analyse“ (Folkers/Lemke 2014, 30) herausfordert und die Verschränkung von westlicher Biopolitik und (neo)kolonialer Gewalt explizit macht.
Auf Basis der kritischen Begriffs- und Textanalyse soll schließlich ein Raum geboten werden, um mögliche (Gegen)Entwürfe eines Politisch-Imaginären (z.B. durch die Affirmation einer global geteilten Vulnerabilität) auszuloten. Zugleich sollen „Fluchtlinien“ des Politischen (z.B. in nekropolitisch verwalteten Gewalträumen) thematisiert werden.
Didaktische Kernelemente bilden – neben der gemeinsamen Diskussion im Seminar – die intensive Textlektüre, das regelmäßige Verfassen von Lektürekommentaren und das Erarbeiten eines kurzen Diskussionsbeitrages.

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

- aktive Mitarbeit: Diskussionen in Kleingruppen und im Plenum
- regelmäßige Lektüredokumentationen der Seminartexte
- Ausarbeitung eines mündlichen Diskussionsbeitrags
- Seminararbeit

Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab

- Mitarbeit (20%): mündliche Beiträge im Plenum und in Kleingruppen
- wöchentliche Lektürekommentare auf Moodle (20%)
- mündlicher Diskussionsinput (15%): Die Beiträge sollen in Kleingruppen ausgearbeitet werden und insg. nicht länger als 15 min. dauern
- Abschlussarbeit (45%): ca. 35.000 - 40.000 Zeichen

Prüfungsstoff

Alle in der Lehrveranstaltung durchgenommenen Texte und Inhalte

Literatur

Die Literatur kann sich bis zu Beginn der Lehrveranstaltung noch geringfügig verändern bzw. ergänzt werden. Die zu lesenden Texte und weitere Informationen finden Sie auf der Moodle-Lernplattform des Seminars.

Bayramoğlu, Yener/Mar Castro Varela, María do (2021): „Biopolitik und Nekropolitik in post/pandemischen Zeiten", in: Dies.: Post/pandemisches Leben. Eine neue Theorie der Fragilität. Bielefeld: transcript, 65–97.
Butler, Judith (2004): „Gewalt, Trauer, Politik“, in: Dies.: Gefährdetes Leben. Politische Essays. Frankfurt/M. 2012, 36–67.
Butler, Judith (2009): Raster des Krieges. Warum wir nicht jedes Leid beklagen. Frankfurt/M.: Campus 2010.
Butler, Judith (2015): Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung. Berlin: Suhrkamp 2018.
Butler, Judtih/Gambetti, Zeynep/Sabsay, Leticia (2016): Vulnerability in Resistance, New York: Durham 2016.
Därmann, Iris (2020): Undienlichkeit. Gewaltgeschichte und politische Philosophie. Berlin: Matthes & Seitz 2021.
Därmann, Iris (2021): "Wo Macht ist, ist auch Widerstand", in: Dies.: Widerstand. Gewaltenteilung in statu nascendi. Berlin: Matthes & Seitz.
Foucault, Michel (1976): „Recht über den Tod und Macht zum Leben“, in: Ders.: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt/M. 1983, 161–190.
Foucault, Michel (1976): „Vorlesung vom 17. März 1976“, in: Ders.: In Verteidigung der Gesellschaft. Frankfurt/M. Suhrkamp 2001, 282–311.
Haraway, Donna (1995): „Die Biopolitik postmoderner Körper. Konstitutionen des Selbst im Diskurs des Immunsystems“, in: Folkers, Andreas/Lemke, Thomas (Hg.): Biopolitik. Ein Reader. Berlin: Suhrkamp 2014, 134–188.
Loik, Daniel (2020): „Europe’s Necropolitics Sparked the Fire at Moria Camp“, in: ROAR magazine, 19.9.2020.
Loik, Daniel (2021): „Das Anrecht auf Grausamkeit. Recht und Affekt; Moria, abolitionistische Strategien“, in: Kritische Justiz, 2021 (3).
Lorenzini, Daniele (2020): „Biopolitics in the Time of Coronavirus“. in: Critical Inquiry, 2.4.2020.
Mbembe, Achille (2003): „Nekropolitik”, in: M. Pieper et. al. (Hrsg.): Biopolitik – in der Debatte. Wiesbaden: Springer 2011, 63–96.

Zuordnung im Vorlesungsverzeichnis

Letzte Änderung: Di 14.03.2023 12:09