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240124 SE VM3 / VM4 - Das männlich-weiße-westliche Subjekt der Entwicklung (2021W)

Zwischen Konstruktion und Materialität

Prüfungsimmanente Lehrveranstaltung
SGU

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Details

max. 25 Teilnehmer*innen
Sprache: Deutsch

Lehrende

Termine (iCal) - nächster Termin ist mit N markiert

Die erste Einheit der LV wird online stattfinden (ein Link findet sich rechtzeitig im kurz davor frei geschalteten Moodle). Unter Berücksichtigung der jeweiligen Bestimmungen zum Umgang mit der Pandemie (insb. geltende max. Belegungszahlen vis-a-vis endgültige Anmeldungen) wird entschieden, ob die restliche LV entweder online oder in Präsenz stattfindet.

Mittwoch 13.10. 13:15 - 16:30 Seminarraum 7, Kolingasse 14-16, OG01
Mittwoch 27.10. 13:15 - 16:30 Seminarraum 7, Kolingasse 14-16, OG01
Mittwoch 10.11. 13:15 - 16:30 Seminarraum 7, Kolingasse 14-16, OG01
Mittwoch 24.11. 13:15 - 16:30 Seminarraum 7, Kolingasse 14-16, OG01
Mittwoch 15.12. 13:15 - 16:30 Seminarraum 7, Kolingasse 14-16, OG01
Mittwoch 19.01. 13:15 - 16:30 Seminarraum 7, Kolingasse 14-16, OG01

Information

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

In den rezenten Debatten zu Intersektionalität, aber auch der post- bzw. dekolonialen Kritik westlicher Konzepte sowie der feministischen Wissenschaftskritik wird maßgeblich die Vorstellung eines homogenen Subjekts angegriffen, welches (ökonomisch) rational agiert, (wissenschaftlich) objektiv ist und ‚männliche‘ Charakterzüge an den Tag legt. In der Tradition der Dekonstruktion wird dieses Subjekt als (mit) diskursiv geprägte Instanz problematisiert, welche die reale intersektionale Bestimmtheit der Menschen verschleiere. Wiewohl dieses ideologiekritische Perspektive zu überzeugen vermag, bleibt festzustellen, dass dabei oft nicht mehr genau erörtert wird, was dieses kritisierte ‚ideale‘ Subjekt eigentlich ausmacht, wie es beschaffen ist und welche historische Entwicklung es durchgemacht hat. Mit einer allgemein bzw. abstrakt verbleibenden Dekonstruktion wird – was aus einer materialistischen Perspektive zu kritisieren ist – möglicherweise auch die Wirksamkeit der Materialität dieser sozialen Form des Subjekts bzw. ihre systematische Funktion in der Aufrechterhaltung von globalen Herrschaftsstrukturen zu wenig trennscharf analysiert.

Im Seminar wird es darum gehen, sich mit der konkreten Beschaffenheit des ‚männlich-weißen-westlichen Subjekts‘ (MWW) zu beschäftigen und seinen hegemonialen Charakteristiken nachzuspüren. Hierfür werden drei Dimensionen eine Rolle spielen.

Zuerst werden zentrale philosophische Texte der westlich-europäischen Aufklärung, die als ideengeschichtliches Fundament für das MWW gelten können, herangezogen und v.a. ideologiekritisch überprüft. Es geht dabei immer auch darum, zu überprüfen, inwieweit die philosophischen Überlegungen einen Bezug zu realen Entwicklungstendenzen des sich durchsetzenden kapitalistisch-patriarchalen, kolonialen Weltsystems hatten.

In Folge wird der „„Epochenbruch Psychoanalyse“ genauer betrachtet, da er formativ war für das moderne Subjekt des 20. Jahrhunderts, welches – wie Eli Zaretsky festhielt – insofern in doppelter Weise als ‚Freudsches Jahrhundet‘ gelten kann, als einerseits die (wissenschaftliche) Reflexion über das Subjekt durch Freuds Werk ungemein angeregt wurde, westliches Denken stark beeinflusste, andererseits aber auch die Psychoanalyse (und später Psychotherapie allgemein) als eine Art Regierungstechnik verstanden werden kann, die selbst (bürgerliche) Subjektivität maßgeblich gestaltete. Neben zentralen Quelltexten von Freud werden dabei v.a. die sozialpsychologisch relevanten Anschlüsse des Freudomarxismus (Otto Fenichel, Siegfried Bernfeld, Erich Fromm, Wilhelm Reich, Herbert Marcuse) Thema sein. Indirekt waren diese Überlegungen zur Subjekttheorie auch relevant für die Kulturrevolution der 1968er und deren Vorstellung von Bildung und Erziehung, die wiederum als maßgeblicher Stichwortgeber der ideologiekritischen Perspektiven, die auf sie folgten, zu gelten haben.

Im dritten Block werden die weniger sozialpsychologischen und mehr auf eine unmittelbare Subjektkritik abzielenden Ansätze der französischen Tradition thematisiert, die sich stärker an strukturalistischen und existentialistischen Überlegungen ausrichtete. In der Fluchtlinie Lacan-Althusser-Sartre wurden dabei Grundlagen einer politisch-theoretisch relevanten Radikalhinterfragung der Möglichkeit eines geschlossenen Subjekts entwickelt, die prägend für „postmoderne“ bzw. „poststrukturalistische“ Revisionen waren. Aufbauend auf diesem Fundament sind in Folge auch Arbeiten aus der feministischen Theorie zu nennen, die für die rezente Debatte in der politischen Theorie von großer Bedeutung sind, namentlich z.B. Luce Irigaray und v.a. auch Judith Butler, die auf ihre Weise psychoanalytische Gedanken für eine politische Theorie der Geschlechterverhältnisse urbar machten.

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

Lektüre/Zusammenfassungen, Referate, Seminararbeit

Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab

Anwesenheit, Mitarbeit, Referat, Abgabe hinreichender Zahl an Zusammenfassungen, Seminararbeit

Teil I
Lektüre der Texte und Abgabe von Zusammenfassungen 35%

Teil II
Referate 20 %

Teil III
Seminararbeit 45%

Prüfungsstoff

Literatur

Althusser, Louis. 2008. Ideology and Ideological State Apparatuses In: On Ideology 1-61. London: Verso.
Beauvoir, Simone de. 1956. The Second Sex. London: Lowe and Brydone.
Bernfeld, Siegfried. 1970. Sozialismus und Psychoanalyse. In: Marxismus Psychoanalyse Sexpol, Hrsg. Gente, Hans-Peter, 11-31. Frankfurt a. M.: Fischer. (Orig. pub. 1934).
Butler, Judith. 1999. Gender Trouble. London/New York: Routledge.
Fenichel, Otto. 1970. Über die Psychoanalyse als Keim einer zukünftigen dialektisch-materialistischen Psychologie In: Marxismus Psychoanalyse Sexpol, Hrsg. Gente, Hans-Peter, 229-51. Frankfurt a. M.: Fischer. (Orig. pub. 1934).
Foucault, Michel. 2005. Subjekt und Macht. In: Analytik der Macht, 240-64. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Freud, Sigmund. 1930. Das Unbehagen in der Kultur Gesammelte Werke. Frankfurt a. M.: Fischer.
---. 1990. Abriss der Psychoanalyse. In: Abriss der Psychoanalyse. Das Unbehagen in der Kultur. Frankfurt a.M.: Fischer
---. 1993. Massenpsychologie und Ich-Analyse / Die Zukunft einer Illusion. Frankfurt a.M.: Fischer. (Orig. 1921.)
---. 2005. Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Frankfurt a.M.: Fischer.
---. 2011. Das Ich und das Es. In: Das Ich und das Es. Metapsychologische Schriften, 251-97. Frankfurt a.M.: Fischer.
Fromm, Erich 1970a. Autorität und Famile Sozialpsychologischer Teil In: Marxismus Psychoanalyse Sexpol, Hrsg. Gente, Hans-Peter, 251-307. Frankfurt a. M.: Fischer. (Orig. pub. 1936).
---. 1970b. Über Methode und Aufgabe der Sozialpsychologie. In: Marxismus Psychoanalyse Sexpol, Hrsg. Gente, Hans-Peter, 129-55. Frankfurt a. M.: Fischer. (Orig. pub. 1932).
Gente, Hans-Peter Hrsg. 1972. Marxismus Psychoanalyse Sexpol. Frankfurt a. M.: Fischer.
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich. 1841. Hrsg. Schulze, J.K.H. Phänomenologie des Geistes. Berlin: Duncker und Humblot.
Irigaray, Luce. 1979. Das Geschlecht, das nicht eins ist. Berin: Merve.
---. 1980. Speculum. Spiegel des anderen Geschlechts. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Kant, Immanuel. 2009. Hrsg. Weischedel, Wilhelm. Die Metaphysik der Sitten Werkausgabe Band VIII. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Klinger, Cornelia. 2011. Die Erfindung des Subjekts. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Lacan, Jacques. 1999. Ecrits. New York: W.W. Norton.
Lohoff, Ernst. 2005. Die Verzauberung der Welt. Die Subjektform und ihre Konstitutionsgeschichte - eine Skizze. In Krisis. Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft. Münster: Unrast.
Marcuse, Herbert. 1965. Triebstruktur und Gesellschaft. Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud. Frankfurt: Suhrkamp.
---. 1969. Versuch über die Befreiung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Reich, Wilhelm. 1934. Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse. Kopenhagen: Verlag für Sexualpolitik.
Sartre, Jean-Paul. 1991. Das Sein und das Nichts. Hamburg: Rowohlt.
Trumann, Andrea. 2004. Das bürgerliche Subjekt und sein Anderes. In Phase 2.
Zaretsky, Eli. 2009. Freuds Jahrhundert. Die Geschichte der Psychoanalyse. München: dtv.
Žižek, Slavoj 2001. Die Tücke des Subjekts. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Zuordnung im Vorlesungsverzeichnis

VM3 / VM4

Letzte Änderung: Mo 20.09.2021 14:49