Universität Wien
Achtung! Das Lehrangebot ist noch nicht vollständig und wird bis Semesterbeginn laufend ergänzt.

251002 UE M 4.3 Das Selbst: Angewandte Anthropologie (2023W)

Patañjalis Yoga-Sutren Spinozas Ethik. Diskussion zweier Modelle angewandter Anthropologie aus dem europäischen und asiatischen Kulturkreis

3.00 ECTS (2.00 SWS), Universitätslehrgänge
Prüfungsimmanente Lehrveranstaltung
VOR-ORT

Hierbei handelt es sich um ein kostenpflichtiges Angebot der Universitätslehrgänge Philosophische Praxis des Postgraduate Center. Bitte beachten Sie, dass für die Teilnahme eine Zulassung zum Universitätslehrgangerforderlich ist. Weitere Informationen zu den Angeboten des Postgraduate Center finden Sie unter: https://www.postgraduatecenter.at/weiterbildungsprogramme/bildung-soziales/philosophische-praxis/

An/Abmeldung

Hinweis: Ihr Anmeldezeitpunkt innerhalb der Frist hat keine Auswirkungen auf die Platzvergabe (kein "first come, first served").

Details

max. 25 Teilnehmer*innen
Sprache: Deutsch

Lehrende

Termine

Fr. 13.10.2023, 09.00 bis 17.30 Uhr
Sa. 14.10.2023, 09.00 bis 16.00 Uhr
Fr. 10.11.2023, 09.00 bis 17.30 Uhr
Sa. 11.11.2023, 09.00 bis 16.00 Uhr


Information

Ziele, Inhalte und Methode der Lehrveranstaltung

Beschreibung der Lehrveranstaltung:
In dieser Übung werden wir mit zwei Klassikern der europäischen und asiatischen Philosophiegeschichte konfrontiert: Patañjali und Spinoza.
Im Zuge der Lektüre von ausgewählten Kapiteln aus dem Yoga-Sutra von Patañjali (2.-4. Jhd.) und aus Spinozas Ethik werden wir die Frage stellen, was es für Patañjali und Spinoza heißt, Mensch zu sein, bzw. menschlich zu werden.
In ihren Texten weisen beide darauf hin, dass die Frage – „Wer ist der Mensch?“ –über den Menschen hinaus in das Weltweite der Welt weist, das der Mensch mit anderen Menschen, aber auch mit nicht menschlichen Dingen und Lebewesen teilt. Ist ein Mensch doch dem Ganzen der Welt ausgesetzt. Einerseits, indem er von der Welt leibhaftig angegangen wird (affizierbarkeit), andererseits, indem er sich zum Ganzen der Welt selbst verstehend verhält.
Fragen wir also philosophisch nach dem Menschen, dann fragen wir nach seiner Stellung inmitten des Kosmos. Das griechische Wort für Ethik (ἦθος) heißt im Alltagsgebrauch Aufenthaltsort. Ethik ist die Wissenschaft vom Aufenthaltsort des Menschen inmitten des Kosmos.
Spinoza definiert Substanz (deus sive natura) in seiner Ethik „als das, was in sich selbst ruht und durch sich selbst konzipiert wird“. In fünf Teilen handelt sie „Von Gott“, „Von der Natur und dem Ursprung des Geistes“, „Von dem Ursprung und der Natur der Affekte“, „Von der menschlichen Knechtschaft“ und schließlich „Von der Macht des Verstandes“, die Welt sub specie aeternitatis (unter dem Aspekt der Ewigkeit) zu betrachten.
Patañjali charakterisiert Substanz im Yoga-Sutra mit dem Sanskrit-Terminus Purusha. Wörtlich heißt Purusha Mensch. Aber nicht nur im Sinne eines Gattungsbegriffs, den wir mit anderen Menschen teilen, sondern als eine Tiefendimension des menschlichen Selbst, die durch fünf Hindernisse – Ignoranz, Egoismus, Ressentiment, Gier und Angst – für gewöhnlich verschleiert und verschüttet ist, so dass sie durch yogische Selbstkultivierung erst freigelegt werden muss. Menschsein ist für jeden einzelnen Menschen daher eine zu vollbringende Aufgabe, und nicht nur eine Tatsache.

Ziel der Lehrveranstaltung:
Im Laufe des Semesters sollen die Teilnehmer_innen mit Patañjalis Yoga-Sutra und Spinozas Ethik soweit vertraut gemacht werden, dass das Menschenbild kenntlich wird, das beide Texte vermitteln. Ein besonderes Anliegen der Lehrveranstaltung besteht darin, die unterschiedlichen methodischen Zugänge sichtbar zu machen, mit denen beide die Frage beantworten „Wer ist der Mensch?“. Spinoza stellt seine Ethik in geometrischer Ordnung dar und untersucht Affekte und Emotionen, als wären es geometrische Flächen und Linien, während Patañjali die Selbstkultivierung des Menschen durch acht Übungsglieder bewerkstelligen möchte, die mit ethischen Verhaltensregeln beginnen (anderen und sich selbst gegenüber), dann in eine Kultivierung leiblicher Praktiken übergehen (Körperübungen, Atemübungen, Schulung der Sinne), um sich schließlich in drei Stufen meditativer Sammlung zu vollenden. Beide Methoden sollen theoretisch ausgiebig besprochen, aber auch praktisch geübt werden.

Didaktische Methode:
Ausgangspunkt der Lehrveranstaltung ist die Lektüre (close reading) der beiden Haupttexte. Diese sollen in praktischen Übungen aber auch sinnlich erprobt und auf ihre Nachvollziehbarkeit hin erfahrungsmäßig überprüft werden.

Art der Leistungskontrolle und erlaubte Hilfsmittel

Die Note setzt sich aus zwei Teilen zusammen:
1. Mitarbeit (aktive Beteiligung an den Diskussionen und den Übungen). 50% der Gesamtleistung
2. Schriftliche Arbeit (Umfang 6-8 Seiten) 50 % der Gesamtleistung

Mindestanforderungen und Beurteilungsmaßstab

Mindestanforderungen für eine positive Beurteilung: über 50% der Gesamtleistung
Für eine positive Beurteilung gilt die Anwesenheitspflicht. Im Fall einer entschuldigten Abwesenheit (max. 2 pro Semester) informieren Sie bitte rechtzeitig den Veranstaltungsleiter.

Bitte senden Sie Ihre schriftlichen Arbeiten an: arno.boehler@univie.ac.at in folgendem Format:
-PDF Format
-Betitelung des Dokuments: Nachname Vorname – Datum der Einheit, zu der die Reflexion verfasst wurde (z.B. Aigner Maria – 11.11.2023)
-Angaben im Dokument: vollständiger Name, Matrikelnummer, Name des Seminars, Abgabedatum, Datum der Einheit, zu der die Reflexion Verfasst wurde.

Prüfungsstoff

Die Texte der Seminareinheiten und weiterführende Reflexionen

Literatur

Patañjali. Die Wurzeln des Yoga. Die klassischen Lehrsprüche des Patañjali mit einem Kommentar von P. Y. Deshpande. Mit einer neuen Übertragung der Sûtren aus dem Sanskrit herausgegeben von Bettina Bäumer, O. W. Barth Verlag: Bern 2007 (12. Auflage).
Böhler, Arno: Meditation im Kontext der indischen Philosophie. Die Yoga-Sūtren von Patañjali”, in: Paragrana. Internationale Zeitschrift für Historische Anthropologie, Band 22 (2013) Heft 2, Akademie Verlag: Berlin, 29-40.
Deleuze, Gilles: Spinoza. Praktische Philosophie, Merve Verlag: Berlin 1988.
Böhler, Arno: Deleuze in Spinoza – Spinoza in Deleuze. Wissen wir was das Medium „Körper“ kann? in: Violetta Waibel (Hg.), Affektenlehre und amor Dei intellectualis, Meiner Verlag: Hamburg 2012, 167-186.
Spinoza, Baruch de: Sämtliche Werke, Ethik in Geometrischer Ordnung dargestellt, Wolfgang Bartuschat (Hg.), Felix Meiner Verlag: Hamburg 1995.

Weiterführende Literatur (Empfehlung)
Desikachar, TKV: Yoga. Tradition und Erfahrung. Die Praxis des Yoga nach dem Yoga Sutra des Patañjali, Via Nova: Petersberg 2005 (3. Auflage).
Eliade, Mircea: Yoga. Unsterblichkeit und Freiheit, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main 1985.
Hampe, Michael und Schnepf, Robert (Hrsg.): Baruch de Spinoza: Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt: in geometrischer Ordnung dargestellt. Unter Mitw. v. Ursula Renz (Klassiker Auslegen, 31, Band 31). Berlin: Akademie Verlag 2006.
White, David Gordon: Yoga in Practice, Princeton Press: Princeton 2012.

Zuordnung im Vorlesungsverzeichnis

Letzte Änderung: Mo 11.09.2023 12:47