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180146 SE Auguste Comte and the history of positivism in the 19th century (2018W)

5.00 ECTS (2.00 SWS), SPL 18 - Philosophie
Continuous assessment of course work

Details

max. 30 participants
Language: German

Lecturers

Classes (iCal) - next class is marked with N

BLOCKVERANSTALTUNG!

1. Termin: MI, 10.10.2018, 18:30-20:00, Hörsaal 2H, NIG, 2. Stock. Vorbesprechung.
2. Termin: SA, 20.10.2018, 9:45–13:30 Uhr, Hörsaal 3C, NIG. Erster Blocktermin.
3. Termin: SA, 10.11.2018, 9.45–13:30 Uhr, Hörsaal 2H, NIG. Zweiter Blocktermin.
4. Termin: DO, 15.11.2018, 18:30-20:00 Uhr, Hörsaal 3D, NIG. Vortrag von Johan Heilbron (Centre européen de sociologie et de science politique, Paris/Erasmus University Rotterdam), „On the Origins and Conflicting Traditions of Positivism”.
5. Termin: SA, 17.11.2018, 9:45–18:00 Uhr, Hörsaal 3C, NIG. Workshop mit Johan Heilbron, „Towards a Historical Sociology of the (Social) Sciences”.
6. Termin: SA, 01.12.2018, 9:45–13:00 Uhr, Hörsaal 3A, NIG. Abschließender Block.
Weitere Details folgen.

Im Mittelpunkt der Lehrveranstaltung stehen ein Vortrag von und ein Workshop mit Prof. Johan Heilbron (Centre européen de sociologie et de science politique, Paris und Erasmus University Rotterdam, http://www.cessp.cnrs.fr/spip.php?rubrique101&lang=fr) am 15. bzw. 17.11.2018. Dies bietet die Gelegenheit, Fragen zu Comte, zur internationalen Rezeption des Positivismus und zur Methodologie der Wissenschaftsgeschichte und -soziologie mit einem internationalen Experten auf diesem Feld zu diskutieren. Der Workshop wird in zwei Blöcken im Oktober und November vorbereitet.

Die Lehrveranstaltung findet teilweise auf Englisch statt.

Wednesday 10.10. 18:30 - 20:00 Hörsaal. 2H NIG 2.Stock
Saturday 20.10. 09:45 - 13:00 Hörsaal 3C, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/3. Stock, 1010 Wien
Saturday 10.11. 09:45 - 13:00 Hörsaal. 2H NIG 2.Stock
Saturday 17.11. 08:00 - 18:15 Hörsaal 3C, NIG Universitätsstraße 7/Stg. II/3. Stock, 1010 Wien
Saturday 01.12. 09:45 - 13:00 Seminarraum 3A NIG 3.Stock

Information

Aims, contents and method of the course

Lange Zeit war Auguste Comte wohl einer der beliebtesten Prügelknaben der Philosophiegeschichte. Sein Name und der mit ihm assoziierte „Positivismus“ standen für Szientismus, Reduktionismus, naiven Fortschrittsglauben und eine kuriose „Religion der Menschheit“. Ein Theorem wie das „Dreistadiengesetz“, das eine historische Entwicklung von Theologie über Metaphysik zur positiven Wissenschaft behauptet, galt als Prototyp schlechter, naiv-progressistischer Geschichtsphilosophie. Doch trotz dieser breiten Ablehnung – gepaart mit Unkenntnis und schwerer Zugänglichkeit von Comtes Schriften – gilt es in den letzten zwei Jahrzehnten ein neu erwachtes Interesse an seinem Werk zu verzeichnen. Nicht nur wurde Comte als Vorläufer der französischen Tradition der Historischen Epistemologie von Bachelard bis Foucault wiederentdeckt. Es bahnt sich eine vielfältige Neubewertung seiner Wissenschaftsphilosophie, seiner Soziologie und seiner politischen Philosophie an. Ganz in Gegensatz zum Reduktionismus wird etwa auf Comtes historisch-differentielle Theorie des Wissens aufmerksam gemacht, die als elaborierte philosophische Antwort auf die Ausdifferenzierung wissenschaftlicher Disziplinen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelesen werden kann.
Vor diesem Hintergrund unternimmt das Seminar eine Neubetrachtung Comtes im Licht der neueren Literatur. Es werden dabei drei Schwerpunkte gesetzt.
(1) Erstens soll eine eingehende Auseinandersetzung mit einigen grundlegenden Texten aus Comtes Werk stattfinden. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf Comtes Wissenschaftsphilosophie und seiner „Sozialphysik“ bzw. „Soziologie“. Wie und vor welchem historischen Hintergrund konzipiert Comte – als einer der ersten – eine eigenständige „Wissenschaftsphilosophie“? Wie verbinden sich darin Philosophie, Geschichte und Soziologie der Wissenschaften? Welche Funktion, welche Methoden und welche enzyklopädische Stellung hat die Soziologie im System der Wissenschaften? Welche Teile von Comtes positiver Philosophie sind letztlich heute noch interessant, welche erscheinen überholt?
(2) Zweitens sollen einige Schlaglichter auf die Geschichte des Positivismus im 19. Jahrhundert geworfen werden. Spätestens seit Comtes Tod gibt es Diskussionen darüber, was denn eigentlich unter „Positivismus“ und „positiver Philosophie“ zu verstehen sei. Wir werden im Seminar Momente der Rezeption Comtes und des Positivismus in einigen europäischen Ländern (Frankreich, England, Deutschland, Österreich) betrachten – ohne die globalhistorische Dimension ganz aus den Augen zu lassen (vgl. Feichtinger/Fillafer/Surman 2018).
(3) Schließlich wirft die historische Betrachtung Comtes und des Positivismus einige methodologische Fragen auf, die sich in gleicher Weise für die Geschichte der Philosophie wie die der (Sozial-)Wissenschaften stellen. Wie kann eine globale philosophische, politische und religiöse Bewegung wie der „Positivismus“ historisch-soziologisch gefasst werden? Wie kann man einen einzelnen Intellektuellen wie Auguste Comte und die historischen Ermöglichungsbedingungen seiner intellektuellen Projekte adäquat untersuchen? Derartige Fragen sollen explizit thematisiert werden. Dazu werden unterschiedliche Ansätze aus der Geschichte und Soziologie der Sozialwissenschaften gegenübergestellt und diskutiert. Insbesondere werden wir uns mit den Möglichkeiten einer „historischen Soziologie der (Sozial-)Wissenschaften“ (Heilbron) in Anschluss an Pierre Bourdieu beschäftigen.

Assessment and permitted materials

- Kommentare zur Textgrundlage (1–2 Seiten).
- Impulsreferate zu den abgegebenen Kommentaren zur Strukturierung und Einleitung der Diskussion.
- Optional Input-Referate zu ausgewählten Themen.
- Tlw. Gruppenarbeiten, ExpertInnengruppen.
- Abschlussarbeit (10 Seiten).

Über Lektüren, Textkommentare, Referate und kleine Gruppenarbeiten erwerben die Studierenden (1) Kenntnis der Grundzüge des Werkes Comtes und der historischen Bedingungen seiner Entstehung; (2) einen Überblick über die neuere Literatur auf diesem Gebiet; (3) Einblicke in die Wirkungsgeschichte des Positivismus im 19. Jahrhundert in Europa; (4) Bekanntschaft mit neueren methodologischen Debatten in der Wissenschaftsgeschichte und -soziologie der Sozialwissenschaften; (5) die Fähigkeit zur Kontextualisierung und kritischen Beurteilung der Diskurse über Positivismus und Szientismus.

Minimum requirements and assessment criteria

Anwesenheit.
Kommentare (35%).
Referate, Gruppenarbeiten (20%).
Abschlussarbeit (45%).

Examination topics

Reading list

(Folgende Literaturliste dient dem ersten Überblick. Textgrundlagen für die einzelnen Sitzungen werden bei der Vorbesprechung bekanntgegeben.)

Primärliteratur:
Comte, Auguste. (1822) 1973. Plan der wissenschaftlichen Arbeiten, die für eine Reform der Gesellschaft notwendig sind. München: Hanser.
———. 1998. Early Political Writings. Herausgegeben von H.S. Jones. Cambridge: Cambridge University Press.
———. (1830–1842) 1968. Cours de philosophie positive. 6 Bd. Paris: Éditions Anthropos.
———. (1830–1842) 1974. Die Soziologie. Die positive Philosophie im Auszug. Herausgegeben von Friedrich Blaschke. Stuttgart: Kröner.
———. (1851–1854) 2004–2012. System der positiven Politik. 4 Bd. Übersetzt von Jürgen Brankel. Wien: Turia + Kant.

Sekundärliteratur zu Comte:
Bourdeau, Michel, Mary Pickering, und Warren Schmaus, Hrsg. 2018. Love, Order, & Progress. The Science, Philosophy, & Politics of Auguste Comte. Pittsburgh: University of Pittsburgh Press.
Heilbron, Johan. 1990. „Auguste Comte and Modern Epistemology“. Sociological Theory 8 (2): 153–162.
———. 1991. „Theory of Knowledge and Theory of Science in the Work of Auguste Comte“. Revue de Synthèse 112 (1): 75–89.
———. 1995. The Rise of Social Theory. Cambridge: Polity Press.
———. 2015. French Sociology. Ithaca/London: Cornell University Press.
———. 2017. „Auguste Comte and the Second Scientific Revolution“. In The Anthem Companion to Auguste Comte, herausgegeben von Andrew Wernick, 23–41. London: Anthem Press.
Petit, Annie. 2016. Le Système d’Auguste Comte. De la science à la religions par la philosophie. Paris: Vrin.
Pickering, Mary. 1993–2009. Auguste Comte. An Intellectual Biography. 3 Bd. Cambridge: Cambridge University Press.
Schmaus, Warren. 1982. „A Reappraisal of Comte’s Three-States Law“. History and Theory 21 (2): 248–66.
Wernick, Andrew, Hrsg. 2017. The Anthem Companion to Auguste Comte. London: Anthem Press.

Zur Geschichte des Positivismus:
Bourdeau, Michel, Hrsg. 2003. „La réception du positivisme (1843-1928)“. Revue d’histoire des sciences humaines 8 (1): 192.
Fedi, Laurent, Hrsg. 2014. „La réception germanique d’Auguste Comte“. Les Cahiers philosophiques de Strasbourg 35.
Feichtinger, Johannes, Franz L. Fillafer, und Jan Surman, Hrsg. 2018. The Worlds of Positivism. A Global Intellectual History, 1770–1930. New York: Palgrave Macmillan.
Plé, Bernhard. 1996. Die „Welt“ aus den Wissenschaften. Der Positivismus in Frankreich, England und Italien von 1848 bis ins zweite Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Eine wissenssoziologische Studie. Stuttgart: Klett-Cotta.
Simon, Walter Michael. 1963. European Positivism in the Nineteenth Century. An Essay in Intellectual History. Ithaca: Cornell University Press.

Zur Methodologie:
Bourdieu, Pierre. 1975. „The Specificity of the Scientific Field and the Social Conditions of the Progress of Reason“. Social Science Information 14 (6): 19–47.
Camic, Charles, und Neil Gross. 2001. „The New Sociology of Ideas“. In The Blackwell Companion to Sociology, herausgegeben von Judith R. Blau, 236–49. Oxford, UK: Blackwell Publishing Ltd.
Camic, Charles, Neil Gross, und Michèle Lamont, Hrsg. 2011. Social Knowledge in the Making. Chicago/London: University of Chicago Press.
Collins, Randall. 1989. „Toward a Theory of Intellectual Change: The Social Causes of Philosophies“. Science, Technology, & Human Values 14 (2): 107–40.
Heilbron, Johan. 2017. „Pour une sociologie historique et réflexive des sciences humaines et sociales“. Revue d’histoire des sciences humaines 30: 277–88.
Koselleck, Reinhart. 1989. „Begriffsgeschichte und Sozialgeschichte“. In Vergangene Zukunft, 107–29. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Skinner, Quentin. 1969. „Meaning and Understanding in the History of Ideas“. History and Theory 8 (1): 3–53.

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Last modified: Tu 19.02.2019 14:28